Mit Social Reading die Welt der Bücher verändern?

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Unter dem Motto “Ich les Crusoe, was machst du so? – Einsam lesen war gestern – eine Diskussion über “Social Reading”" diskutierten Experten am 25. Juni im Frankfurter Literaturhaus.
Mit dabei waren Journalist und Schriftsteller Matthias Altenburg, die Lektorin des S.Fischer Verlags Petra Gropp sowie die Literaturredakteurin der Frankfurter Allgemeinen Zeitung Sandra Kegel und der Redakteur für Web und Social Media im Börsenverein des Deutschen Buchhandels Alexander Vieß. Unter Moderation von Prof. Dr. Heinz Drügh, Professor für Neuere Deutsche Literatur und Ästhetik, widmete sich die Diskussionsrunde dem Social Reading und seinen Folgen. Organisiert wurde die Veranstaltung von den Studenten und Studentinnen des Aufbaustudiengangs Buch- und Medienpraxis der Frankfurter Johann Wolfgang Goethe-Universität.

Social Reading: Was ist das?

Zunächst wurde das Phänomen Social Reading erklärt. Ähnlich wie bei Social Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter geht es beim Social Reading um den Austausch oder das sich Mitteilen. Allerdings steht man nicht selbst, sondern ein Buch im Vordergrund. In einem Videoeinspieler kamen die jugendlichen Teilnehmer des Frankfurter Buchpicknicks zu Wort, die die Leseplattform Lovely Books getestet haben und illustrierten das Phänomen Social Reading: Der Austausch mit anderen Lesern ist den meisten wichtig, jeder möchte dem anderen mitteilen, warum gerade die „Twilight“-Romane oder das neueste Eragon-Abenteuer auf der persönlichen Leseliste ganz weit vorne stehen. Hinzukommen die allgemeinen Eigenschaften der Social Media-Plattformen: Freunde und Gleichgesinnte finden. Die Jugendlichen betonten auch, dass sie es sehr schätzen über Lovely Books mit manchen ihrer Lieblingsautoren in Kontakt zu treten und sich auch mit dem Schöpfer ihrer Lieblingsgeschichten auszutauschen.
Ein Wunsch, den Matthias Altenburg gut nachvollziehen kann. „Da gab es teilweise schon sehr unterhaltsame und inspirierende Gespräche“, erinnert sich der Schriftsteller an seine Erfahrungen mit Lovely Books oder auch seinem eigenen Blog. Man sitze man ja hier gleich mit den Konsumenten zusammen.

„Buchtipps zu meinen Kommentaren – Wie geil ist das denn?“

Alexander Vieß findet Social Reading und den damit verbundenen Austausch super. „Man teilt sich ja nicht nur mit, man bekommt ja auch was zurück.“ Als Beispiel erzählte er, dass er kürzlich in einem Buch über einen Vorläufer der traditionellen japanischen Gedichtform Haiku, dem Tanka, gestolpert sei. „Das fand ich sehr interessant, weil ich davon noch nie gehört hatte, und postete dieses Zitat. Am nächsten Tag bekam ich einen Buchtipp zum Thema Tanka zurück. Wie geil ist das denn bitte?“
Dass sich Leser aktiv über Bücher austauschen wollen, ist auch Literaturredakteurin Sandra Kegel nicht fremd, denn neu ist Social Reading nicht. Leserunden gab es schon immer, die Tradition geht weit in die Vergangenheit zurück. Besonders in der Kaffeehauskultur des 18. und 19. Jahrhunderts lebte sie wieder auf.
Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) hatte vor einiger Zeit einen virtuellen Leseraum, wo Bücher u.a. von Martin Walser besprochen wurden, allerdings bald die Resonanz nachließ, so dass das Projekt beendet wurde. Aber wer weiß, vielleicht wird es in der Zukunft ja wieder aufgenommen, so Sandra Kegel.
Petra Gropp sieht im Social Reading sogar ein richtungsweisendes Instrument für künftige Trends auf dem Buchmarkt. Und natürlich für hervorragendes und auf die Zielgruppen zugeschnittenes Marketing.

Social Reading – Nicht nur positive Aspekte

Doch so positiv Social Reading auch gesehen werden kann, berührt es auch weniger erfreuliche Punkte. Das Urheberrecht, beispielsweise. Wie viele Zitate darf man posten, dass es noch unter das Zitatrecht fällt, aber nicht das Urheberrecht verletzt? Gleiches gilt beim Austausch von E-Books. Wegen manchen digitalen Formaten ist ein Ausleihen von E-Books nur in einem kleinen Rahmen möglich. Das Verleihen von E-Books, wie es mit gedruckten Büchern möglich ist, erweist sich als schwierig. Auch die Frage, was denn nun mit der wissenschaftlichen Literatur ist, ließ die Köpfe der Experten rauchen. Kann man wissenschaftliche Literatur so ausführlich mit Social Reading diskutieren, wie in einem Seminar? Und kann man dafür die breite Masse begeistern? Und wäre Social Reading hier nicht sogar ein Vorteil?
Über all diesem schwebt natürlich auch der Aspekt der ungewissen Zukunft der Buchbranche. Es werde nach Punkten gesucht, wie man sich den modernen Entwicklungen anpassen kann, wie diese förderlich für den Buchmarkt ist und man diese Entwicklungen nutzen kann. Eindeutige Antworten darauf, konnte auch dieser Abend nicht geben.
Matthias Altenburg brachte dazu noch einen anderen Aspekt ins Spiel: Die Rezeption seiner Texte, bzw. die häufigen sich wiederholenden Nutzerkommentare. „Wegen dieses störenden Geplapper von dieser Seite habe ich mein Gästebuch auf meinem Blog angeschaltet. Als Autor möchte ich auch in aller Ruhe seine Texte schreiben, ohne dass man mir dauernd reinredet. Man setzt sich auch durch solche Entwicklungen unter Druck.“

Social Reading scheint sich auf einem schmalen Grad zwischen Fluch und Segen für die Buchbranche und alle Beteiligten zu bewegen. Wenn eine Anpassung an derartige Entwicklungen verpasst wird, kann es gut sein, dass in ein paar Jahren Buchläden auf Nimmerwiedersehen verschwinden und es traditionelle Berufe wie der des Lektors nicht mehr gibt. Wohin die Reise des Social Reading geht und wie es die Buchbranche verändert wird, ist also noch offen.

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