#26 Ich will Schriftsteller werden. Was soll ich tun? (1)

debruma, Kolumne

Drüber schlafen.

Wenn der Wunsch am nächsten Morgen immer noch besteht: Such dir einen Therapeuten.

Falls dieser anfängt, dir selbstverfasste Gedichte oder aus seinem neusten Fantasyroman vorzulesen: Such dir einen neuen Therapeuten.

„Aber ich will! Ich will unbedingt“, wirst du jetzt sagen und ich sage dir: Ach, Quatsch, willst du nicht. Schriftsteller ist ein öder, langweiliger, harter Job, gibt nur Ärger und seltsame Blicke. Und außerdem sind da Alternativen, auch für dich … Seidenmalerei, Ausdruckstanz. Irgendwas. Du schaffst das, glaub mir, wenn du wirklich willst, dann findet sich was Besseres, eigentlich ist alles besser als …

Schon gut, schon gut.

Du willst also Schriftsteller werden?

Tja.

Eine super Voraussetzung wäre, wenn du gern schreibst.

Ja, lach du nur – es gibt Heerscharen von Wäregernautoren, die eben gern Autoren wären, aber es mit dieser lästigen Tipperei und der Recherche und Sprache und Feilen an derselben usw. nicht so sonderlich haben.

Wobei natürlich manch großer Autor damit kokettiert, welch Leiden ihm das Schreiben sei, aber darauf würde ich nicht reinfallen. Schreiben ist Arbeit. Harte, mies bezahlte, sozial null anerkannte Arbeit. Ohne eine gewisse Leidenschaft und Leidensfähigkeit wird das nichts.

Der nächste Punkt ist: Was würdest du denn gern schreiben?

Hm?

Fast jeder beginnt ‘Schreiben’ damit, sein Innerstes auf Papier zu sabbeln. Problem: Bei den allerallerwenigsten ist solches auch nur annähernd interessant, spannend und unterhaltsam.

Ein anderer Ansatz (oft Schritt 2) ist: Autor kommt zu der festen Überzeugung, er müsse sein Lieblingsgenre komplett neu erfinden; wobei er dann kolossal die Fantasywelten zu Tode beschreibt, die miesesten Figurenzeichnungen abliefert und mitten im Krimi feststellt, er hätte sich vorher mal überlegen sollen, wer der Mörder ist.

Bei dir ist das anders? Du bist einer der Auserwählten, die über das Öffnen einer Packung Cornflakes schreiben können, und der Leser brüllt vor Entzücken? Deine Worte sind erleuchtend und erhellend, dein Inneres hat den Zauber und die Komplexität der Andromedagalaxie?
Was machst du dann hier? Geh und verändere die Welt oder was immer Genies so tun, du Ausnahmetalent du.

Für den Rest gilt: Schreiben ist Scheitern, nimm es mit Humor. Ach und wo ich dabei bin – mal noch zwei Dinge:

1) Du willst Schriftsteller werden? Dann schreibe. Schreibe, schreibe, schreibe – egal was. Schreiben ist ein Prozess, auch ein Lernprozess, und Sprache muss sich schleifen. Schreibe miese Texte und experimentelle, treibe Schreibübungen und exerziere Schreibratgeber durch oder lasse es, ist völlig egal, solange du schreibst.

2) Werde dir darüber klar, was du sein willst, was du schreiben willst.

Warum 2) wichtig ist?

Weil genau das deinen Weg bestimmt. Schreiben ist nicht gleich Schreiben – es gibt unzählige Facetten und jede für sich hat ihre eigene Gültigkeit.

Mythenmetzsche Abschweifung: Es gibt (in Re und im Netz) abartig lange Diskussionen und Streitereien zwischen Schreibenden.

Hobbyautoren vs. Profis, Künstler vs. Auftragstextersteller, E-Literatur vs. U-Literatur oder welche Schublade man auch immer dafür öffnen will. Im Prinzip ist es stets die alte Kunst-vs.-Kommerz-Frage, und im Detail hängt sich das Ganze daran auf, ob Autor sich am Markt (also einem Abnehmer des Textes) orientieren darf und wenn ja, in welchem Umfang und mit welcher Konsequenz…

Das läuft ungefähr so ab:

Autor 1: Ich habe ne Veröffentlichung
Autor 2: Pfff, aber nur U-Literatur. LiRo! Arzt im Liebesrausch!
Autor 1: Na und! Aber ich hab nen Verlag!
Autor 2: So einen Verlag will ich gar nicht! Das hat doch mit Literatur nichts zu tun!
Autor 1: Nur weil dich kein Verlag nimmt, ist dein Zeug noch lange keine Literatur!
Autor 2: Schreibhure!
Autor 1: Hobbyautor!

Das kann man sich jetzt in Endlosigkeit denken – und am Ende sind alle beleidigt.

Mythenmetzsche Abschweifung aus.

Die Wahrheit ist, dass beide Seiten Recht haben (und außerdem haben beide Seiten einen Knall, aber das ist jetzt meine Privatmeinung.)

– denn ein Buch (und am Ende wünscht (fast) jeder seinen Texte zu einem solchen) ist ein zweischneidig Ding.

Zum einen ist es ein Produkt.

Etwas, das verkauft werden soll. Genau wie Socken, Leberwurst oder iPads. Produkte unterliegen den Gesetzen des Marktes, Angebot und Nachfrage. Und Verlage sind ganz schnell keine Verlage mehr, wenn sie Produkte am Markt vorbei erstellen.

Zum anderen hat ein Buch, zumindest ein gutes Buch, eine Seele. Es ist mehr als Bedürfnisbefriedigungsprodukt, es ist etwas, das uns träumend macht, das uns in andere (Gedanken-)Welten entführt, und sein Zauber, sein Wert, kann nicht in Auflagen und Euro bemessen werden. Ein Text, ein Wort, das auch nur einem einzigen Leser, und sei es nur für einen Augenblick, das Herz ein wenig anders schlagen lässt – hat einen Wert und darf, nein, muss geschrieben werden.

So.

Und irgendwo dazwischen befindest du dich. Lieber angehender Schriftsteller. Mit deinem Wortwerk. Nun sag, wer willst du sein? Wohin treibt dich dein Herz? Was für Geschichten magst du erzählen?

Die große Schwierigkeit liegt darin, dass man von Extremen sprechen muss, um zu verdeutlichen, was des Pudels Kern ist, aber in Wirklichkeit es wohl kaum Autoren gibt, die sich in diesen Extremen bewegen. Die Wahrheit ist irgendwo da draußen – und liegt in der Mitte.

Dennoch wage ich mich jetzt mal mit einem Doppelsalto aus dem Fenster, schnappe mir die Farben Schwarz und Weiß und behaupte: Es gibt zwei Wege.

a) Schreiben als Berufung
b) Schreiben als Beruf

Jetzt geht gleich das Abern los, schon klar. Und doch.

Jeder, der schreibt, strebt die Veröffentlichung, den Verlagsvertrag an – denn nicht der Text macht den Autor, sondern erst die Veröffentlichung desselben.

Könnte man meinen.

Man braucht aber so wenig einen Verlagsvertrag zum Schreiben wie einen Plattenvertrag zum Musizieren.
In dieser Fixierung auf die Verlagsveröffentlichung liegt die Krux und würde sich dieser Knoten ein wenig lockern lassen, es wäre nicht zum Schaden der Literatur. Aber dazu an anderer Stelle mehr.

Wer den Verlag anstrebt, strebt einen Beruf an. Dann wird der Text zu einem Produkt, welches ich zu verkaufen gedenke.
Das ist gar nicht so viel anders, als wenn ich einen Blumenladen aufmache – ich muss, will ich damit nicht untergehen, Blumen verkaufen, die die Leute mögen. Basta. Und zwar nicht nur Tante Friedel und der verrückte Säufer von der Bushaltestelle, sondern eben ein gewisser Prozentsatz der Bevölkerung. In der Folge werde ich mich mit den Wünschen meiner Kunden und mit der Floristik an sich, mit Trends und Neuheiten auseinandersetzen müssen und so manchesmal auch ein Gesteck rausgeben, was ich mir selbst nun nicht ins Wohnzimmer stellen würde.

Ein Florist, der sich an dieser Stelle die Haare rauft und schreit: „Niemals! Ich bin der Schönheit der Natur verpflichtet, ich beuge mich nicht dem Druck des Marktes, ich nicht! Nein“ – der ist nicht nur seltsam, der ist vor allem bald arbeitslos.

Muss also jeder, der schreibt, dem Markt gerecht werden und seine Geschichten, seine Worte kommerziellen Vorgaben beugen?

Nein. Muss er nicht. Literatur gehört zur Kunst und Kunst muss gar nichts. Aber der Herr Autor darf sich eben nicht im gleichen Atemzug wundern, warum er über Kleinverlage und Nischen nicht hinauskommt und/oder den Schritt zur Veröffentlichung nur als Selbstverleger gehen kann.

(Nicht weil der ‘Berufungsautor’ automatisch schlechter schreibt als der ‘Berufsautor’, nein, kommerziell und gut hat nichts miteinander zu tun – aber auch hierzu mehr an anderer Stelle.)

Was also willst du nun, lieber angehender Schriftsteller?

Wie?
Du machst einfach dein Ding und das ist so supertoll … Moment, ich zitiere mich selbst:

Du bist einer der Auserwählten, die über das Öffnen einer Packung Cornflakes schreiben können, und der Leser brüllt vor Entzücken? Deine Worte sind erleuchtend und erhellend, dein Inneres hat den Zauber und die Komplexität der Andromedagalaxie?
Kein Verlag, kein Leser kann der Kraft deiner Worte widerstehen?

Was machst du dann hier?

 

*

Fortsetzung folgt.

2 Comments on "#26 Ich will Schriftsteller werden. Was soll ich tun? (1)"

  1. Jutta 15/02/2013 at 19:04 ·

    Super beobachtet, debruma! Als Lektorin weiß ich ganz genau, was du meinst :-D

  2. Steffi 15/02/2013 at 20:22 ·

    Daumen hoch! Super Artikel!

    :)

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