Wo waren wir? Ach ja:
Kann jedermann Literaturkritik? Darf der einfache Leser große Literatur für Mist befinden? Gibt es so etwas wie eine Rezensionsindustrie? Und: liest überhaupt irgendjemand all diese Rezis oder richtet gar sein Kaufverhalten danach aus?
Tante Bärbel meinte, worüber ich mir so den Kopf zerbreche, sei aber auch seltsam und ich solle mal lieber die Fenster putzen, die hätten das nötig. Was ich dann auch gemacht habe. Also die Fenster geputzt. Weil dies nun aber eine schwachsinnige Tätigkeit ist, fiel mir dabei einiges ein bzw. auf …
Die Geschichte der Literaturkritik ist eine Geschichte voller Missverständnisse.
Obwohl? Nö, eigentlich nicht.
Es ist nur schlicht so, dass Literatur zwei Seiten hat: die künstlerische und die kommerzielle. Die Aura Buch vs. Schnelldreher. Literaturwissenschaft vs. BWL. Oder so ähnlich.
Nicht jede Meinungsäußerung ist eine Rezension – aber auch nicht jede Rezension ist ein Wunderwerk der Lesekunst. (Ich frag mich immer noch, welches Buch das gesammelte Feuilleton der großen Tageszeitungen gelesen hat, als Murakamis „1Q84“ von ihnen besprochen wurde. Ich muss eine andere Ausgabe haben, vielleicht bin ich ja in 1Q95 gefangen? Das würde zumindest einiges erklären.)
Mein Problem ist nicht, dass Rezis gekauft – ähm gefördert werden, also die Rezensenten unterstützt, meine ich. Es macht mir keine Sorgen, wenn amazon ein Bewerterbewertungssystem hat, das Lob höher rankt als Tadel, nicht einmal Äußerungen von etablierten Schriftstellern, die allen Ernstes nur Bücher rezensieren, die sie gut finden, weil sie zu ihresgleichen nicht gemein sein wollen, bringen mich aus der Ruhe. Auch nicht, dass die großen Zeitschriften nur noch Bücher von Verlagen besprechen, die gleichzeitig eine Anzeige schalten …
Marketing und Werbung ist, was es ist, und jeder halte es mit seinen Leisten, wie er mag.
Freilich sollte man für eine Produktbesprechung eine Mindestahnung vom Produkt haben. Der 16jährige Sohn meiner Nachbarin kann zu Uwe Tellkamps “Turm” soviel sinniges beitragen, wie ich zum neusten Kernel von Linux.
Anderseits darf der Angehörige der Zielgruppe für den homoerotischen Vampirroman auch seinen Senf zu „Blutsauger unterm Regenbogen, Teil 3“ geben, ohne vorher Germanistik studiert zu haben … und wenn seine Meinung „Mist“ lautet, dann hat Autor Pech gehabt. Heulen ist nicht.
Natürlich, selbstverständlich und ohne jede Frage gibt es immer und überall Deppen – und es gibt eben auch Leute, die keinen Plan haben, Meckern um des Meckerns willen und/oder Autorenbashing betreiben.
Doch ich sag mal was tollkühnes:
Hin und wieder liegt es am Buch und nur am Buch, wenn die Leser motzen, lieber Autor.
Aber das ist jedem klar – und ich traue schlicht jedem zu, sich in der Meinungsmasse das herauszusuchen, was ihm passt.
Rezensionen ala amazon nutzen wohl die meisten als reinen Infodump – eine Art ausführlicher (und im besten Falle unterhaltsamer) Klappentext. Meine Kaufentscheidung steht und fällt damit nur bedingt.
Was mir fehlt, ist nicht die Kaufberatung (ich sei eh beratungsresistent, sagt Tante Bärbel) und auch brauch ich keinen Intellektuellen, der mit die Welt erklärt und mir sagt, was ich von Saramago zu halten habe.
Was mir fehlt, ist Literaturkritik als Sprachkunstform.
Eine gute Rezension ist ein eigenständiger Text. Er ist klug, böse, genau und vor allem unterhaltsam. Und dafür braucht man Kritiker, die gewitzt, cool, belesen!, altklug und vor allem NICHT feige sind.
Die sich trauen Verlag, Handel und Medien direkt an den Karren zu fahren, die den Autoren gewachsen sind, die sezieren, zerlegen, sich festbeißen und sich für Satire nicht zu schade sind.
Die keine Inhaltsangaben schreiben, sondern Rezensionen.
Kritiken.
Texte zum Lachen, sich Ärgern, Widersprechen. Zum Aufregen und Zustimmen.
Der Kritiker ist der natürliche Feind des Autors.
Und wir alle brauchen Feinde, um das Beste aus uns herausholen. Ohne Löwen wären Antilopen so dick und bescheuert wie !
Wo seid ihr? Ihr Kritiker, ihr wortgewandten Großmäuler, die ihr euch traut, euch unbeliebt zu machen? Die nicht nur rumnörgeln, motzen und Beleidigungen mit Kritik verwechseln – sondern Buchwerk aufs Feinste zu zerhacken wissen? Wo? Wo verdammt?
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