Seit Tante Bärbel den VHS Kurs ‘Internet’ absolviert hat, telefonieren wir öfter miteinander. Denn ich „kenne mich ja aus mit die Computer und habe Zeit, derweil ich sitze abends eh nur rum und tippe“ – sagt Tante Bärbel. Natürlich könntet ihr einwenden, dass ich, statt zu motzen, schlicht nicht abnehmen müsste, das Telefon – aber erstens ist meine Familie zäh (und lässt sich nicht so einfach ignorieren) und zweitens sind diese Gespräche hin und wieder recht aufschlussreich:
„Sag mal, kennst du dich mit Autorenbaaaschinng aus?“, fragte mich Tante Bärbel, dieses Mal ohne jedes Vorgeplänkel.
„Autorenfasching? Im Mai?“
„Neee, nicht Fasching. Baaaaschinnng.”
„Pasching?“
„Ach, nu hör doch ordentlich hin: b_a_s_h_i_n_g!“
„B’ä’shing? Meinst du Autoren-B’ä’shing?“
„Genau!“
Genau?
„Tante Bärbel?“, fragte ich so gelassen wie möglich. „Was hast du bitte mit Autoren-Bashing zu tun?“
„Ich? Nichts! Aber die Gerda aus dem Computerkurs.“
Also die Geschichte war folgende: Den VHS Kurs ‘Internet’ hat Tante Bärbel nicht allein absolviert, sondern samt ihrer Clique. Lauter fröhliche Mitsechzigerinnen auf der Suche nach der Cloud. (Den Lehrer habe ich neulich in der Stadt gesehen, er wirkte leicht traumatisiert.)
Die gute Nachricht ist: seit diesem Kurs surfen die Damen fröhlich durchs Netz, bestellen was die Rente hergibt, buchen Urlaube online und senden munter Mails samt Fotos von den Enkels, meistens sogar an den richtigen Empfänger.
Worauf ich aber eigentlich hinauswill:
Gerda (eine der fröhlichen Netzaktivistinnen aus jenem VHS-Kurs) bäckt. Kuchen, Torten, Kekse, Früchtebrot, Stollen, Lebkuchen und zu Ostern immer ganze Herden an Lämmern. Und eben jene Gerda hatte sich auf amazon ein Backbuch gekauft aber das taugt nichts, sagt sie, und das hat sie dann auch genauso in die Rezension geschrieben.
„Sie hat geschrieben: ‘Taugt nix’?“, fragte ich Tante Bärbel.
„Natürlich nicht! Wer schreibt denn ‘Taugt nix’“, ereiferte sich Tante Bärbel. „Sie hat geschrieben: Das Buch sei großer Mist und der Autor hätte wohl noch nie gebacken.“
„Und dann?“
„Wurde ihre Rezension gelöscht!“
„Gelöscht?“
„Ja? Oder nicht reingestellt? Irgendwie ist jedenfalls nicht da, die Dings, die Rezension! Wegen dem Autorenbäsching. Aber nicht mit Gerda – sie hat jetzt amazon geschrieben, dass sie ihnen einen Beweiskuchen bäckt und den soll der Autor dann doch mal essen …“
Während Tante Bärbel sich in Rage zeterte, dachte ich darüber nach, was amazon den Autoren antut. Also nicht nur denen von Backbüchern, sondern auch und gerade den Vertretern der Belletristik.
Vor dem Internet hatten Autoren und Leser nicht viel miteinander zu tun. Autor schrieb, Verlag verlegte, die Literaturkritik kritisierte (oder ignorierte) und der Leser kaufte. Ob der Leser das Buch las oder nur in den Schrank stellte und was er von dem Geschriebenen so hielt … wer wusste das schon zu sagen, einziger Indikator waren die Verkaufszahlen.
Im direkten Austausch gab es in gewisser Weise nur den Autor und den Kritiker und die beiden mochten sich lediglich phasenweise. Kritiker waren hoch angesehene Wesen, belesen, studiert, mit Wortwitz und Ätzsatz ausgestattet, häufiger im Fernsehen und Interview als 99 % der Autoren. Von ihrer Gunst oder ihrem Verriss hing vieles ab, den Verkaufszahlen schadetet beides nicht, aber dem Autor war sicher die Sache mit der Gunst lieber.
Hin und wieder schrieben Autoren böse Bücher, in denen Kritikern allerlei Unbill zustieß, und die Kritiker ihrerseits rangen schmerzvoll um Worte der Abscheu gegen Autorenauswüchse oder abweichende .
Doch heute?
Frau Löffler wagt noch hin und wieder den Ruf nach Kritik der alten Schule – doch in der Praxis gilt: Besprechung gibt es gegen Anzeige, Rezension gegen Landurlaub, das Feuilleton speckt ab, wo kein Platz da keine Rezension – dafür übernehmen die Blogger und Laien stark und stärker das Feld … und damit sind wir bei Tante Bärbel, Gerda und all den anderen Rezensenten.
Nichts gegen meine Verwandtschaft oder die Demokratie an sich: aber was taugt des Volkes Stimme bei der Beurteilung von Literatur?
Oder fangen wir ganz woanders an: Was reizt den Leser überhaupt an der Buchkritik? Ja, was bringt die Menschen dazu in Foren und auf Plattformen, in Blogs und Kommentarlisten, in Bewertungsportalen und Mediamarketingunternehmungen ihre Meinung kund zu tun?
Egal wohin man schaut – sei es vorablesen.de, neobooks, amazon oder das wunderschöne Bücherregal der LitaCom. Überall finden sich Leute, die einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit opfern, um Bücher zu besprechen. Manchmal hunderte, manchmal gar tausende Rezensionen. An den Freiexemplaren und den paar Goodies, die ausgelobt werden, kann es allein nicht liegen.
„Hä?“, unterbrach Tante Bärbel meinen Gedankengang, den ich gegen Ende laut vorgetragen hatte, „die Leute haben doch schon seit jeher und zu allen Zeiten ihren Senf dazu gegeben. Ob man das nun hören wollte oder nicht!“
„Du meinst, die Leute machen das schon immer und einfach nur so – weil es Spaß macht?
„Haja. Stammtisch, Klöbbelstübchen, amazon – das ist doch alles eines. Man hat was zu sagen oder meinst es zumindest und dann raus damit.“
„Tante Bärbel, das würde bedeutet, es passiert gar nichts Neues – nur durch das Netz …“
„Genau. Der Leser hatte schon immer eine Meinung zum Buch. Nur durch das Netz bekommen des die Herren und Damen Autoren endlich mal mit!“
Das sagte sie so dahin, meine Tante Bärbel. Aber ob das die armen Autoren tröstet, wenn jeder dahergelaufene Leser plötzlich was zu ihrem Werk zu sagen hat? Nachlesbar für alle Zeiten?
Seien wir ehrlich: amazon oder Stammtisch – nicht jede Meinung ist fundiert oder wohlüberlegt, nicht jede Rezension elegant formuliert oder auch nur grammatikalisch korrekt.
Ja, es bleibt die Frage: Kann jedermann Literaturkritik? Wie verändert das Wort des Users die Welt der Wortkunst? Schwarmintelligenz vs. Einfach mal die Klappe halten? Und darf nur MRR Autorenbashing oder auch die Gerda?
„Gottchen“, sagt Tante Bärbel, „du machst aber wieder ein Ding draus. Das heben wir uns auf für’s nächste Mal! Das wird sonst viel zu lang und ich muss noch …“
Und zack hatte sie aufgelegt. Seitdem warte ich auf ihren Anruf.
Falls jemand Mitwarten mag: Fortsetzung folgt. Am 15. nächsten Monats. Im Magazin der LitaCom. Versprochen.
Google+


2 Comments on "# 17 Kann jedermann Literaturkritik? Oder: Tante Bärbel und das Autoren-Bashing. (Teil 1)"
Wow, mit Cliffhanger! :-) Sehr toll. Die Tante Bärbel sorgt für reichlich guten Stoff. Macht sehr viel Spaß deine Kolumnen zu lesen.
Hihi, hab mich köstlich amüsiert und freu mich auf die Fortsetzung… Autoren-Bashing…da könnte man sppontan eine neue Metal-Richtung erfinden…