… und in diesem Augenblick bereute ich zutiefst, Tante Bärbel jemals etwas von meinen literarischen Interessen erzählt zu haben. Denn nun, mitten im Kaffee-, Kuchen- und Ostereierwahn, sah sie mich an und wollte Antwort.
„Dem Grass sein hier … also das Ding mit Israel – was soll daran bitte Gedicht sein?“
„Ähm ….“
(Ehrlich gesagt, hoffte ich darauf, der Hund möge kommen, um den Kuchen zu klauen. Tat er natürlich dieses eine Mal nicht. Toll.)
„Ähm … Prosagedicht“, sagte ich also, notgedrungen.
„Hä?“, machte Tante Bärbel.
*
Insgeheim bin ich der Ansicht, dass Lyriker eine eigene Spezies sind, die mit den Leuten, die Prosa schreiben, nicht viel gemein haben. Ich mag Lyrik und ich mag manchmal auch Lyriker aber bei Ausführungen wie:
„Der Hexameter ist ja auch ein recht vielgestaltiges und abwechslungsreiches Versmaß…
Ganz knapp könnte man ihn vielleicht so beschreiben: Er besteht aus sechs betonten Silben und fängt mit einer betonten Silbe an. Hinter den ersten vier betonten Silben steht eine unbetonte Silbe oder stehen zwei unbetonte Silben. Hinter der fünften betonten Silbe müssen zwei unbetonte Silben stehen, hinter der sechsten betonen Silbe muss eine unbetonte Silbe stehen.“¹
Da bekomme ich Kopfweh und falle auf die Tastatur.
Mir ist der Triops emotional einfach näher als der Trochäus und ob ein Reim nun Männchen oder Weibchen ist, sollen die Spezialisten für Genderlyrik unter sich ausmachen.
*
Aber Tante Bärbel guckte noch immer erwartungsvoll. Sie denkt halt, ich hätte wenigstens Ahnung von Literatur, wenn ich schon damals nicht die Lehre zur Rentenversicherungsfachangstellen gemacht habe.
„Ein Prosagedicht“, führte ich also aus, „muss sich nicht reimen. Im Gegenteil.“
„Ach“, machte Tante Bärbel ungläubig.
„Ja, das ist das Besondere eines Prosagedichts, dass es auf typische Lyrikformalien wie Verse, Reime verzichtet und sich einer dichten, aber prosaischen Sprache bedient, die durchaus Rhythmus und Klang besitzt.“
„Hä?“, wiederholte sich Tante Bärbel. Was jetzt gar nicht schlecht war, denn ich konnte auf Kopfweh ihrerseits rechnen und so aus der Nummer rauskommen. Aber mein Onkel Friedrich, dessen zweite Ex-Frau Deutschlehrerin war, drehte sich zu uns und sagte: „Die Kleene meend, der Grass had seine Gedanken aufgeschriebn und damit das Kunst wird, ein paar Zeilenümbrüche neingehaun.“
„Ach?“, machte Tante Bärbel abermals, aber jetzt wesentlich bissiger. „So, so, dann ist das also gar kein richtiges Gedicht!“
„Doch“, sagte ich, „Es gibt ganz klar Unterschiede zwischen einem Prosagedicht und einem Kommentar …“
„Welche denn?“, fragte Tante Bärbel prompt.
„Och ….“ Ich hustete und stotterte etwas von besonderer Dichte der Sprache.
„Ja isses nun ein Gedicht?“ Tante Bärbel kann recht energisch sein und deswegen täuschte ich einen Anruf vor, stürzte nach draußen und versuchte mittels der modernen Kommunikationsmittel jemanden zu erreichen, der sich mit Lyrik auskennt.
Ist mir auch gelungen.
Was hat der Jemand gesagt hat?
Nichts! Einfach gar nichts.
Da er Lyriker ist und deswegen nie mehr Worte macht, als unbedingt notwendig, glaube ich, das ‘Nichts’ hieß in Prosa übersetzt: Bist du bescheuert? Lass mich bloß in Ruh. Auf das dünne Eis begebe ich mich ganz bestimmt nicht.
Also wieder zurück zu Tante Bärbel und den Kuchen, den Eiern und Günter-Grass-Text.
„Hör zu, Tante Bärbel. Ein Prosagedicht verbindet die Lyrik und die Prosa – es vermeidet die strengen Formen der Lyrik, kleidet sich in ein prosaisch Gewand – aber zugleich gibt es wesentliche Unterschiede zu einem Essay oder Kommentar.
Essay und Kommentar orientieren sich an den Fakten; zwar gibt der Autor seine subjektive Meinung oder Ansicht hinzu, dennoch geht es immer um eine Analyse, eine Logik, eine Konsequenz.
Ein Gedicht dagegen, komprimiert ein Gefühl, eine Befindlichkeit, einen Zustand. Grass verleiht in seinen Worten viel weniger seiner politischen Sichtweise Ausdruck, diese ist nur der Ausgangspunkt; was er vielmehr tut, ist ein bestimmtes Lebensgefühl beschreiben – welches übertragen wiederum für eine gesellschaftliche Situation steht.
Lyrik meint nicht (nur) bestimmte Formen zu verwenden, Lyrik meint immer das Verdichten eines Anliegens. Prosa führt aus, erörtert, Lyrik fängt ein und lässt es so, wie es ist, im Raum stehend – für sich selbst sprechend.“
„Echt?“ fragte Tante Bärbel.
Und ich sah sie an, ruhig und ernsthaft und dann steckte ich mein Handy weg und sagte: „Woher soll ich das wissen? Ich schreibe Geschichten. Prosa! Über Vampire!“
debruma
¹ das Zitat stammt von soleatus, der mir hin und wieder (und stets geduldig) die Welt, die Zeichensetzung und die Lyrik erklärt. Ich bedanke mich für jedes Wort und verlinke hier einen wunderfeinen Hexameter aus der Feder des Autors.
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6 Comments on "#16 Du sag mal, dem Günter Grass sein Gedicht – das reimt sich doch gar nicht?"
Klasse! Hat wahnsinnig Spaß gemacht zu lesen.
Geht mir genau so wie Chaosqueen. Einfach super, sehr unterhaltsam und lebhaft geschrieben – und vermittelt dabei noch Fachkenntnisse. ;)
Wie für deine Kolumen üblich: Sehr gelungen, macht Spaß sie zu lesen!
Vielleicht will jemand mal so schreiben wie Grass? :D http://wortfeld.de/offenerbrief/
Ganz genau, gute Erklärung.
Vielen Dank!!!
Und Hawkes, der Link ist Klasse. Grassifizieren. o_O
Liebe Grüße
debruma
haha, na das hast du ja dann doch noch perfekt gemeistert… ;)