Simone Bauer spricht mit uns über ihre Person, über Festivals, Musik und ihrem Groupietraum schlechthin: So folgte sie ihrer Herzensband Placebo geschlagene 3.600 Kilometer während der Tour. Aber nicht nur männliches kommt auf Simones Ohren, zwischendurch hört sie Mädchenmusik von “Marina and the Diamonds” und “Taylor Swift”, wie uns die junge Autorin erzählt. Mehr von ihrem Leben gibt es im März 2013 erscheinenden Buch “Matsch-Memoiren - 33 Festivalgänger erzählen von der krassesten Party ihres Lebens” (Schwarzkopf & Schwarzkopf). Vor allem soll es in diesem Interview aber um ihre “Kernkompetenz Herzschmerz” und die Kurzgeschichte “Baby Blackout – Und nach dem Tod der Himmel” gehen: Eine traurige und herzzerreissende Story mit Tipps gegen eine hektische und kalte Gesellschaft. Unbedingt dranbleiben und weiterlesen! Artikelbild © Moritz Thau. Das Interview führte Fabian Krott.
Literatur-Community: Du bist 22 Jahre jung, sehr gutaussehend, Schriftstellerin bei Schwarzkopf & Schwarzkopf. Was bist du noch? Und wie bist du?
Simone Bauer: Herzlichen Dank für die Blumen – da ist aber jemand ein Charmeur der alten Schule, I like! Ich bin außerdem in erster Linie Spezialistin für Öffentlichkeitsarbeit. Ich verbringe übermäßig viel Zeit mit Schreiben und zwar in allen Richtungen:
Als Buchautorin, als Journalistin und eben als PR-Mädel. In meiner Freizeit gehe ich gerne auf Konzerte, daher veranstalte ich auch konsequent selbst das ein oder andere Event, ob für meinen Brotjob oder für meine Zeitungen. Außerdem liebe ich es zu reisen. Ich bin ein ziemlich offener Typ und rede unheimlich viel, allerdings bin ich auch sehr strukturiert und gut organisiert. Dennoch nicht immer pünktlich.
Zum Zeitpunkt des Interviews bist du in Österreich (eigentlich kommst du ja aus München). Erstens: Ich bin neidisch. Zweitens: Bist du dort manchmal auf Skiern und deiner scharfen ‘Autorenbeobachtungsgabe’ unterwegs?
Ich fahre Ski, seit ich drei bin – also ja. Das ist ganz toll, um den Kopf freizubekommen. Solche Ablenkung ist manchmal extrem gut, wenn man vielleicht gerade in einer schwierigen Phase des Skripts ist – im Sommer packe ich mich auch oft auf meinem Rad in den Olympiapark, um den Prozess anzukurbeln. Beobachten tue ich eigentlich immer – manchmal halte ich bewusst Ausschau, manchmal macht es unter einer Unterhaltung plötzlich „Ping!“.
“Ping!” – die Glühbirne im Kopf ist angegangen und Simone hört der Unterhaltung gar nicht mehr zu…?
Ich lenke die Unterhaltung dann supergeschickt auf das Projekt, an dem ich gerade arbeite, wenn das im Gespräch mit Freunden passiert, die ebenfalls schreiben und mich eng auf diesem Weg begleiten. Bei anderen Gesprächspartnern mache ich mir einen Knoten ins Hirn. Ich gebe aber zu – ich bin dann solange hippelig, bis ich mir den Gedanken aufgeschrieben habe.
Lass uns zuerst über deine vorherigen Werke sprechen, bevor wir zu deiner neuen Kurzgeschichte “Baby Blackout” kommen. Du hast drei Bücher mit den Titeln “Isarvorstadt”, “Ganz entschieden unentschieden” und “Alkoholfrei” geschrieben. Am 01. Mai 2013 erscheint dein neues Buch “Matsch-Memoiren – 33 Festivalgänger erzählen von der krassesten Party ihres Lebens”. Wie passen denn “Alkoholfrei” und “Matsch-Memoiren” zusammen? Oder anders gefragt: Wenn man dich kennenlernen möchte, welches Buch passt besser zu dir und warum?
Ich selbst trinke keinen Alkohol seit ich 14 bin – mein erstes Festival habe ich mit 16 besucht. Daher passt für mich das schon immer zusammen und ich habe dazu auch noch nie ein abwertendes Wort gehört. Abgesehen von einer sehr engen Freundin, die ebenfalls keinen Alkohol trinkt, geben sich einige in mein Umfeld gerne die Kante. Ich habe kein Problem, wenn in meiner Gegenwart getrunken oder geraucht wird – und ich finde Rauschanekdoten genauso lustig wie jeder andere. Daher war es kein Problem, die Geschichten für „Matsch-Memoiren“ zu sammeln – außerdem haben auch nicht alle mit Alkohol zu tun. Festivals sind ja mehr als das. Festivals sind Lebenseinstellung, Flucht aus dem Alltag und Groupietraum. Letzteres ist definitiv meins. Bei ein paar „Matsch-Memoiren“ war ich selbst dabei, daher sind das auch wirklich wahre Geschichten aus meinem Leben. Die anderen Bücher sind weniger autobiografisch – und „Isarvorstadt“ gar nicht. Ich glaube aber, zum Einstieg fährt man mit meinem Debüt, „Ganz entschieden unentschieden“, ganz gut. Über Johanna zu schreiben hat mir riesigen Spaß gemacht und wir teilen die Eventmanagementleidenschaft (und die Leidenschaft für Nerds).
Jetzt musst du mir unbedingt deinen Groupietraum beschreiben… ich habe ja auch einen, aber der bleibt jetzt geheim.
Schade! Na, ich fahre ja hauptsächlich wegen der Musik auf Festivals – und reise generell gerne Bands hinterher. Es ist einfach schön, wenn die acht Stunden, die man am Tag vorher in ein Auto eingepfercht verbracht hat, damit belohnt werden, dass man einen Song gewidmet bekommt oder ein paar Bussis. Mehr verrate ich nicht, in „Matsch-Memoiren“ plaudere ich schon genug aus dem Nähkästchen! Aber mein großer Traum wäre es tatsächlich, mit einer Band auf Tour zu fahren und darüber zu schreiben.
Bussis von meiner ‘Derzeit-Lieblingsband’ Coldplay wäre zwar nett gemeint, aber ein bisschen too much. (lacht) Du bringst deine Freunde gerne mit deinen Texten zum Lachen, wie du in einem anderen Interview erwähnt hast. Bist du auch eine gute Komödiantin? Jetzt will ich es aber wissen! Hast du einen guten Witz auf Lager?
Ich hasse es, Witze zu erzählen – tut mir sehr leid. Meine Kurzgeschichten für meine Freunde sind einfach oft sehr abgedreht – ich weiß genau, was sie lustig finden und mögen und habe natürlich Insider mit ihnen. Eine absolute Glanzleistung war, als ich einer befreundeten FC-Bayern-Fanin ein zweites Champions-League-Finale schrieb, zufälligerweise auch wieder gegen Chelsea und in München. In meiner Geschichte gewann der FC Bayern dermaßen haushoch – sogar unser Mann im Tor schoss von seinem Platz aus eins.
Mit dem Vorwort von “Baby Blackout - Und nach dem Tod der Himmel” hast du deinen Humor bewiesen: “Wie immer für meine Eltern, die am liebsten Feelgood-Geschichten lesen würden. Aber ich bekomme auch schon seit Jahren ein Hundebaby verweigert…”. Baby Blackout ist also eine Feelbad-Geschichte. Eine sehr tiefgründige, metaphorische…
… meine Kernkompetenz ist sicherlich Herzschmerz. Ich schreibe super gerne lustige Sachen, fetzige Dialoge. Aber das Schreiben ist natürlich auch irgendwo ein Outlet für nicht so schöne Gedanken. Das sind nicht immer die meinen. Manchmal interessiert mich einfach nur ein Thema und ich versuche, die Emotionen zu ergründen – wie bei „Baby Blackout“. Oft pusche ich eigene Erfahrungen oder die von anderen hoch. Und wenn es einfach nur das Trauergefühl ist, keinen Hund zu haben.
Welche Emotionen, Gefühle und Erfahrungen hast du konkret mit “Baby Blackout” ergründet?
Es geht um ein junges Paar – beide sind völlig überarbeitet und sie kämpfen mit der Norm, wie ihre Beziehung laut ihres Umfeldes auszusehen hat. In der Geschichte kommen viele verschiedene Ängste zu Tage – schlimme Panikattacken wie auch kleinere Neurosen. Es tauchen aber auch die verschrobenen Highlights einer Partnerschaft auf, die es im Kontext der gesellschaftlichen Verallgemeinerung zu ergründen gilt. Sie lieben einander sehr.
Das klingt nach einem Leitfaden für Verliebte, Liebende und nach einer Durchhalteparole für Beziehungen am dünnen Faden?
Eher eine generelle Durchhalteparole für dieses kalte, hektische Leben. Es ist wichtig, nicht immer alles alleine tragen zu müssen, wenn es da einen Partner gibt, an den man sich lehnen kann. Im Falle von „Baby Blackout“ ist allerdings der Partner genauso instabil, dennoch finden die beiden immer wieder Hoffnung und retten sich vor der puren Verzweiflung.
Muss ich mir Sorgen um dich machen?
Nur was meinen derzeitigen Konsum der Sendung “Shopping Queen” betrifft. Wie gesagt, das Schreiben ist ein super Tool, was Übertreibungen betrifft. Und das Erforschen von Zuständen, in denen man sich selbst nicht befindet. Ich bin ein riesiger Fan dieser dramatischen Liebe, wie zum Beispiel auch bei Chuck und Blair aus “Gossip Girl”. Das zu beschreiben ist irre. Und die restlichen Gefühle in “Baby Blackout”? Das ist ein bisschen so, wie die Mittelbayerische Zeitung mein allererstes Placebo-Konzert beschrieb: “Placebo zeigen das Leben in seiner ganzen Größe, mit einer wahnwitzig großen Portion Pathos, in schier unendlich großer Melancholie, und doch immer mit einem Fuß fest in der Popkultur stehend.” Das würde ich auch gerne erreichen.
Beim Lesen erwartete ich das Schlimmste. Beide können sich glücklich schätzen, sobald sie einander haben. Was aber, wenn die Zweisamkeit zu Ende ginge? Wenn die Hoffnung weg wäre? Was ist dann die Durchhalteparole?
Gleich so schlimm traurig? Das tut mir leid. Sicher ist die Möglichkeit des Verlassens des jeweiligen anderen immer gegeben. Und wenn sie es sich gegenseitig immer schwerer machen würden, dann auch irgendwie ein Muss. In so einem Fall würde die Durchhalteparole wohl heißen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Sie waren ja beide schon an diesen Punkten und wissen, dass zumindest der Herzschmerz irgendwann vergeht. Zumindest in diesem Teil der Geschichte aber würden sie einander nie verlassen, weil es diese große, mächtige Liebe ist, die niemand freiwillig aufgibt, weder die Romantiker, noch die Nicht-Romantiker, weil sie alles zusammenhält.
Wenn die Hoffnung weg wäre, würde ich übrigens sagen, dass sie sich Hilfe von außen holen müssten. Nicht von den Eltern, zu denen ein schwieriges Verhältnis besteht, und auch nicht von den Freunden, die sich nicht in die Situation hinein versetzen können, weil sie auf ihre Art und Weise drüberstehen.
Schade, dass “Baby Blackout” nur eine Kurzgeschichte geblieben ist. Wieso eigentlich? Man könnte damit Bücher füllen…
Tatsächlich ist die Geschichte offen gehalten. Das Schöne an einem eBook ist ja, dass man es immer wieder erweitern kann. Auf Facebook geht es nämlich weiter – alle Infos dazu gibt es auf: https://www.facebook.com/#!/SimoneBauerFrohmannVerlag
Da werden die nächsten Tage Dialoge hochgeladen, Szenen angesammelt, Moods gepostet … so können auch Nebenfiguren aus der Geschichte ergründet werden, was eine ganz neue Ebene öffnet.
Du setzt also auch auf die Möglichkeiten des Internets und verwertest die Geschichte crossmedial. Wie stehst du zu den Entwicklungen? Papier vs. Elektronik und Qualität vs. Quantität – was gewinnt bei dir?
Bei mir gewinnt, was mir Spaß macht. Ich habe, wenn ich mir die letzten Jahre so angucke, viel ausprobiert: Literatur in Zigarettenautomaten auf der Straße und Süßigkeitenautomaten in der U-Bahn, ein Beitrag zu einem Hörbuch, jetzt das eBook. Und angefangen habe ich mit Geschichten im Internet bis hin zu Gedichten in Jugendzeitschriften. Ich liebe Printjournalismus genauso wie den im Onlinebereich. Natürlich macht mir am meisten Spaß, einen Roman zu schreiben, der gedruckt wird und ein hübsches Cover bekommt. Der dann ganz besonders riecht, wenn man den Buchdeckel anhebt, der greifbar ist und den ich fühlen kann. Als ich mir allerdings neulich „The Carrie Diaries“ kaufen wollte, ließ ich davon erst einmal die Finger, weil das Buch so dick war und ich viel unterwegs bin – in meine Handtasche hätte es zumindest nicht gepasst. Ich finde, all diese Formen von Literatur haben ihre Berechtigung und zwar im genau passenden Moment. Ich möchte ein Taschenbuch in der Badewanne lesen können, genauso aber auf einer kurzen U-Bahn-Fahrt eine Szene bei Facebook. Wichtig ist doch, was mich fesselt, sowohl als Leser, als auch als Autor. Was mir eben Freude bereitet.
Richtig so – darum geht es doch vor allem: die Freude während des Lesens! Mittlerweile bist du auch wieder von Österreich zurück und danke an der Stelle recht herzlich für deine Zeit trotz Urlaubsplanung.
Wer mehr von Simone lesen möchte, kann neben ihren Büchern einen Großteil des Lesestoffs vor allem auf der SZ-Jugendseite ergattern. Vielen Dank für das tolle Interview – und viel Erfolg für die Zukunft!
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