Interview mit Paul Frommer – Spracherfinder von Avatar und John Carter

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Paul Frommer hatte Glück: Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Eigentlich ist er Linguist der Marshall School of Business der University of Southern California (USC), seine Bewerbungsunterlagen überzeugten James Cameron jedoch so sehr, dass Frommer “nebenher” die Sprache des Volks der Na’vi (bekannt aus Avatar) erfinden durfte. Als Sprachberater für Lightstorm Entertainment hat er nun vor Kurzem Martian für Disneys Kinofilm “John Carter – Zwischen zwei Welten” entwickelt – und heute steht er uns zum Interview bereit. Trotz vollem Terminplaner gibt uns der sympathische Professor einen tiefen Einblick in die komplexe Sprachwissenschaft im Hollywoodgeschäft und in sein Privatleben… Fragen von Fabian Krott, übersetzt von Jutta Ladwig.

Frommer sprach zuerst die Sprache der Na’vi

Literatur-Community: Herr Frommer, Sie waren beispielsweise in Malaysia, haben schon viele Länder bereist und verschiedene Sprachen gelernt und gehört. Welche Sprache fasziniert und inspiriert Sie am meisten?
Paul Frommer: Ich kann da wirklich keine herausgreifen. Die meisten Linguisten werden Dir erzählen, dass sie in jeder Sprache mit der sie in Kontakt kommen faszinierende und inspirierende Aspekte finden. Das ist auch meine Erfahrung. Natürlich sind auf irgendeine Weise die Sprachen am faszinierendsten, die anders als Englisch sind. Sprachen wie Malaiisch, Indonesisch, Persisch, Chinesisch und Hebräisch haben eine ganz spezielle Faszination.

LitaCom: Ehrlich gesagt – Sie haben schon einen tollen Job. Wie wird man ein Sprachwissenschaftler für Hollywoodblockbuster? Und was zeichnet eben diesen aus?
Frommer: Um die zweite Frage zu beantworten: In Bezug auf Qualität und Fähigkeiten muss man jemanden finden, der die Funktionsweise und Strukturen von Sprachen kennt. Das sind meist Linguisten oder Leute, die Linguistik, also Sprachwissenschaft, studiert haben. Der Schöpfer von ‘Cling-on’, Marl Olcrand ist ein waschechter Doktor der Linguistik – wie ich auch. Es gibt aber auch Leute ohne diese akademischen Bescheinigungen, die sich trotzdem extrem gut in der Sprachwissenschaft auskennen und ebenfalls einen guten Job machen. In Bezug darauf, wie ich dazukam, hatte ich Glück. Ich erfuhr, dass James Camerons Produktionsfirma einen Linguisten suchte, der eine Fremdsprache für einen Science Fiction-Film entwickeln konnte. Das war natürlich ‘Avatar’. Ich habe zuerst davon gehört, habe mich beworben und hatte Glück, den Job zu bekommen. Das war, wie ich zu diesem Job kam.

LitaCom: Wenn ich jetzt eine eigene, coole Sprache entwickeln möchte, die ich nur für die Kommunikation unter Freunden benutzen möchte: Wo müsste ich beginnen, was wären die ersten und die letzten Schritte?
Frommer: Das kommt darauf an, was für einen Zweck die Sprache erfüllen soll. Und ob es da bestimmte Eigenschaften gibt. Willst du es besonders interessant klingen lassen? Willst du eine schwierige Aussprache? Willst du sie nur cool klingen lassen? Willst du eine komplizierte Grammatik, die schwer zu lernen ist? Willst du eine einfach zu erlernende Sprache? Und in welchem sozialen Umfeld möchtest du sie nutzen oder nur unter Freunden anwenden? In allen möglichen Situationen einsetzbar? Dazu müssen zuerst viele Fragen beantwortet werden. Sprachen können viele Wege einschlagen. Es hängt davon ab, was deine Interessen sind und für was du sie brauchst.

LitaCom: John Carter ist ja eine Buch-Reihe von Edgar Rice Burroughs, seines Zeichens auch Erfinder von Tarzan. Leider konnten Sie mit dem Autor nicht mehr sprechen, da er 1950 verstorben ist. Haben Sie nicht manchmal die Skepsis, dass Burroughs etwas an Martian ausgesetzt hätte?
Frommer: Natürlich werde ich das nie erfahren, aber ich habe ein gutes Gefühl dabei, mir vorzustellen, dass Burroughs es in Ordnung fände, was ich aus Barsoomian gemacht habe. Ich habe sein Buchstabiersystem beibehalten und die Klangkombinationen, deswegen hoffe ich, dass die neuen Wörter, die ich erfunden habe, ihm wie eine natürlich Erweiterung seines erfundenen Wortschatzes vorkommen. Und er wollte eine einfache Grammatik, die habe ich entwickelt. Manche Dinge würden ihn überraschen, beispielsweise die Aussprache von ‘ch’ wie im Deutschen ‘doch’. Ich stelle mir vor, dass er diese Dinge in Ordnung fände.

“Looking at languages”, ein Buch von Frommer

LitaCom: Lesen Sie denn auch viel? Welche Romane haben Sie denn privat als auch aus Sicht eines Sprachwissenschaftlers sehr begeistert?
Frommer: Sicherlich, ich lese sehr gerne. Zwei Autoren fallen mir spontan ein, die linguistisch sehr interessant sind: James Joyce und Vladimir Nabokov. Ich liebe die ungewöhnlichen Dinge, die Joyce in ‘Ulysses’ und ‘Finnegan’s Wake’ mit der Sprache geschaffen hat. (Ich bezweifle, dass ich jemals ‘Finnegan’s Wake’ zu Ende lesen werde, aber ich habe mich entschieden, ‘Ulysses’ eines Tages zu beenden!) Und die Tatsache, dass Nabokov so elegant in zwei Sprachen schreiben kann, erstaunt mich. ‘Fahles Feuer’ ist das witzigste und beste Buch, dass ich jemals gelesen habe.

LitaCom: Sie können auch Deutsch! Wie kam’s dazu?
Frommer: Leider kann ich nur ein bisschen Deutsch. Ich hatte ein Jahr lang Deutsch an der Uni, was mir viel Spaß gemacht hat. Aber ich fürchte, ich kann kein Gespräch auf Deutsch führen. Ich war bisher nie in einem deutschsprachigen Land, aber ich bin der Meinung, dass ich große Fortschritte machen würde, wenn ich etwas Zeit in Deutschland, Österreich oder der Schweiz verbringen würde. Ich kann aber deutsche Lyrik zitieren. Das kommt daher, dass ich deutsche Lieder mag – Schubert, Schumann, Brahms, etc. Und ich kenne verschiedene Gedichte auswendig, die für diese Lieder verarbeitet wurden. Und obwohl ich keine aktuellen Ereignisse diskutieren kann, kann ich Goethe und Heine ganz akkurat rezitieren. Ich bin auch an der Sprachverwandtschaft zwischen Deutsch und Jiddisch interessiert. (Meine Eltern und Großeltern sprachen hervorragend Jiddisch.)

LitaCom: Wie stehen Sie denn zu dem Wandel unserer Sprache, speziell was die Onlinekommunikation betrifft? Was wäre Ihre Prognose für die Zukunft: Wie werden wir im Jahr 3012 kommunizieren?
Frommer: Manche Leute wirken regelrecht beunruhigt durch die Kurzschrift, die sich herausgebildet hat um Onlinekommunikation effektiver zu gestalten – Dinge wie LOL oder brb oder ‘c u l8r’ oder die Verwendung von Emoticons wie :-). Über diese Dinge mache ich mir keine Gedanken; Sprache verändert sich, um sich den Bedürfnissen von Sprechern und Schreibern anzupassen – das geht doch schon so lange wie die Menschen reden und schreiben. Ich mache mir mehr Gedanken über Sprache, die verschleiert und eher verwirrt als etwas deutlich auszudrücken – solche Phrasen wie beispielsweise ‘Familienwerte’, was eigentlich soviel bedeutet wie ‘die Werte innerhalb von Familien, die wir akzeptieren’. Und wie Kommunikation 3012 aussehen wird, da ist deine Vermutung genauso gut wie meine. Wer weiß, vielleicht haben wir bis dahin die Telepathie entwickelt!?!

Martian – erfunden von Paul Frommer

LitaCom: Gestern Na’vi, heute Martian – was kommt morgen?
Frommer: Falls es Fortsetzungen zu ‘Avatar’ und ‘John Carter’ gibt, in denen Na’vi und Barsoomian wieder eine Rolle spielen werden, hoffe ich, wieder mit dabei zu sein.

LitaCom: Vielen Dank für das Interview, Herr Frommer! Die letzten Worte an unsere deutschen Leser sind Ihre. Egal ob Na’vi, Martian, Deutsch oder Englisch:
Frommer: Auf Na’vi: „Kaltxì, ma oeyä eylan. Oel ayngati kameie nìwotx. Ulte sìlpey oe, oel ngolop a aylì’fya sivunu ayngar.” (Hallo, meine Freunde. Ich sehe/erkenne euch alle. Und ich hoffe, ihr mögt die Sprachen, die ich geschaffen habe.)

Auf Barsoomian: „Kaor da waachlug tu gen wem Deutschland.” (Ein Hallo an alle meine Freunde in Deutschland.)

Auf Deutsch: „Auch kleine Dinge können uns entzücken.”

Und auf Englisch: Danke für euer Interesse!

3 Comments on "Interview mit Paul Frommer – Spracherfinder von Avatar und John Carter"

  1. Srungsiyu 10/09/2012 at 00:41 ·

    Das Aufspringen auf den Zug kommt ein bisschen spät, oder nicht? ;)
    Dennoch immer wieder spannend, etwas von Karyu Pawl zu lesen…

    Ansonsten muss ich konstruktive Kritik üben: Ein wenig mehr Recherche hätte den Schöpfer von Klingonisch (= Klingon (tlhIngan Hol)) als Marc Okrand zu Tage treten lassen ;)

  2. Fabian 11/09/2012 at 10:28 ·

    Danke für den Hinweis, Srungsiyu! :-)

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