Eva Lohmann hat in einer Klink Tagebuch geführt und ihre Beobachtungen als Burnout-Patientin erschreckend real aufgeschrieben. Aus dem Tagebuch der heute 31-jährigen Inneneinrichterin entstand ein Roman, der unter dem Titel “Acht Wochen verrückt” bei PIPER erschien. Das Buch wurde zu einem Bestsellererfolg. Am 10. September 2012 nun erscheint ihr zweiter Roman “Kuckucksmädchen”. Der Inhalt: Wanda kann sich nicht entscheiden, ob ihr Freund die Liebe ihres Lebens ist. Deshalb schreibt sie eine Liste ihrer Ex-Freunde, die sie besuchen und vor Ort austesten möchte, ob der alte Ex-Freund nicht doch die bessere Wahl gewesen wäre. Dabei gerät die Protagonistin immer mehr in Konflikt mit ihrem eigenen Herzen und ihre Gier, nur das Bestmöglichste aus ihrem Leben zu machen, wird ihr zum Verhängnis…
Im Interview mit der Literatur-Community spricht die Autorin über Herzensangelegenheiten, über den großen Erfolg von “Acht Wochen verrückt”, Menschen und Inneneinrichtungen mit Altbaudielen. Das Interview führte Fabian Krott.
Literatur-Community: Du hast nun neben “Acht Wochen verrückt” dein zweites Buch namens “Kuckucksmädchen” veröffentlicht. Hattest du dafür einen speziellen Antrieb? Definierst du dich denn als Autorin, oder als was fühlst du dich im Leben berufen?
Eva Lohmann: Ich habe ja meinen Job als Inneneinrichterin gekündigt nachdem ich in der psychosomatischen Klinik war. Erst danach kam die Sache mit dem Buchvertrag und plötzlich war mein Beruf das schreiben. Danach habe ich monatelang nur Interviews gegeben, Fernsehen, Radio, Print. Das ist wohl auch ein Grund warum sich das Buch so gut verkauft hat. Und WEIL es sich so gut verkauft hat, haben die Leute von Piper natürlich gewollt, dass ich ein zweites schreibe. Und da ich zu der Zeit wirklich gerade ein Thema hatte, das mich beschäftigt, habe ich es gemacht. Und natürlich auch, weil es der beste Job der Welt ist, Romane schreiben zu dürfen. Für mich jedenfalls.
Zu was ich mich berufen fühle, ist eine gute Frage, die ich mir selbst oft stelle. Wenn mich jemand fragt, sage ich momentan, ich sei Autorin. Aber es hat lange gebraucht. Beim ersten Buch habe ich immer rumgestottert und sowas gesagt wie: “Ich lebe momentan vom schreiben”, weil mir weder das Wort “Schriftsteller” noch das Wort “Autor” über die Lippen kommen wollte. Jetzt, beim zweiten Buch geht es schon etwas besser. Aber ob ich das nun den Rest des Lebens bleibe – ich weiß es nicht. Dafür muss man schon sehr viel Glück, Talent und Gespür für die richtigen Themen haben. Und man muss sich auf Dauer vermarkten wollen, eine Sache, der ich zwiegespalten gegenüber stehe. Vielleicht bin ich irgendwann auch mal wieder Inneneinrichterin. Ich vermisse diese Arbeit – wie man vielleicht auch schon in “Kuckucksmädchen” ahnen konnte.
Welches “Thema” hat dich denn beschäftigt? War es vielleicht die Ungewohnheit nach der Klinik-Entlassung ein aufgeräumtes Leben mit Zielen und neuen Hoffnungen zu führen?
Als ich aus der Klinik gekommen bin, habe ich mein Leben ja ziemlich verändert. Ich habe meinen Job gekündigt und plötzlich hat sich diese großartige Tür geöffnet und ich wurde fürs schreiben bezahlt. Und nach dieser großen beruflichen Veränderung fiel dann zwangsweise mein Blick auch auf mein Privatleben und ich habe mich gefragt, ob es ebenfalls Veränderungen braucht. Daraus ist die Idee entstanden, Wanda in meinem neuen Buch ihre Exfreunde besuchen zu lassen. Und sie darüber nachdenken zu lassen, welche Wahl wohl die richtige für sie ist.
Abgesehen davon bin ich in die traurige Situation gekommen, die Wohnung meines Großvaters leer räumen zu müssen. Ich fand es einen spannenden Gegensatz, diese beiden Dinge einander gegenüber zu stellen: Jemand um die 30, der sein Leben/Haus/Nest gerade einrichtet und jemand, dessen Leben wieder abgebaut und entrümpelt wird.
Der Verlag wollte an dem Verkaufserfolg von “Acht Wochen verrückt” anknüpfen. Das ist vollkommen legitim, aber fühlte sich das nicht falsch an?
Dass ein Verlag an Verkaufzahlen anknüpfen will, ist wohl normal und legitim. Ich kann das verstehen. Und als ich gesagt habe, dass ich nicht nochmal über Depressionen schreiben möchte, hat mir Piper alle Freiheiten der Welt gelassen. Trotzdem musste ich sie natürlich mit dem neuen Thema überzeugen. Der Verlag muss die Bücher schließlich später verkaufen. Ich hatte nie einen verklärten Blick auf die Literaturbranche. Bücher sind Produkte. Das heißt nicht, dass man beim Schreiben kein Herzblut hineinstecken darf.
Gibt es denn eine Verknüpfung zwischen deinen beiden Büchern? Das erste Buch war so prägend, so wegweisend, so dass ich beim lesen deines zweiten Buches immer dachte, dass es darauf aufbauen muss?
Viele Leser haben sich gewünscht, dass es eine Art Fortsetzung von “Acht Wochen verrückt” gibt. Mir war aber sehr wichtig, dass mein zweites Buch thematisch in eine andere Richtung geht. Auch wenn ich dadurch wohl ein paar Leser verlieren werde. Aber wenn ich mich ein weiteres Mal mit Depressionen oder psychosomatischen Krankheiten beschäftigt hätte, wäre ich für immer in der Ecke “Betroffenheitsliteratur” gelandet. Das wollte ich nicht. Obwohl ich sagen muss, dass die Wanda in meinem neuen Buch jawohl auch einen ganz schönen Knacks hat…
Trotzdem gibt es zwischen beiden Büchern minimale Verknüpfungen, die zum Teil allerdings nur sehr aufmerksame Leser bemerken können. Ich hatte Spaß daran, mit einem Augenzwinkern ein paar kleine Fährten zu legen.
“Herzensangelegenheiten” sind in deinem neuen Roman ein wichtiges Thema: Es gibt innere Monologe zwischen Wandas Herzen und Wanda selbst. Wieso lässt du das Herz sprechen und vor allem: wie kommen diese unglaublich zielsicheren Worte auf das Papier? Wie viel Aufmerksamkeit steckst du beim Schreiben in Metaphern?
Das Herz war so eine fixe Idee. In “Acht Wochen verrückt” gibt es ein sprechendes Problem, das aber nur eine kleine Rolle einnimmt. Bei Lesungen habe ich gemerkt, wie gut das “kleine Problem, dass seine kurzen Beinchen von der Lüge geerbt hatte”, angekommen ist. Ich habe es richtig lieb gewonnen und fand es schade, dass ich nicht mehr darüber geschrieben hatte. Ich weiß nicht, ich glaube es ist einfach meine Art von Humor. Ich liebe es, leblose Dinge zu personifizieren und ihnen Charaktereigenschaften zu geben. Mit meinem Freund spreche ich oft über “Frau Waschmaschine” oder “Herrn Koffer”. Da geht einfach manchmal meine Phantasie mit mir durch. Das sprechende Herz war allerdings schwierige eine Aufgabe: Es durft auf keinen Fall zu kitschig sein. Deswegen lasse ich es gerne mal schnippisch antworten oder beleidigt schweigen oder solche Sachen. Viel Spaß hat auch die Szene gemacht, in der Wanda das Herz aus Versehen aus der Brust fällt und sie es später wieder einsetzen muss. Du fragst nach Metaphern. Ich verwende wohl ziemlich viele, aber ich tue es nicht bewusst. Ich versuche einfach, ein bestimmtes Gefühl zu beschreiben und dann drängen sich Bilder wie die vom beleidigten Herzen eben einfach auf.
Du warst Inneneinrichterin. Ich schätze du wirst mir zustimmen, wenn ich sage, dass man aus der Einrichtung viel aus dem Leben eines Menschen lesen kann. Welchem Stück/Teil der Wohnung schenkst du am meisten Beachtung?
Ja, ich war Einrichterin. Oder bin es immer noch. Ich glaube, diesen Beruf legt man nicht einfach so ab. Es macht mir sehr viel Spaß, Wohnungen und Häuser von anderen Menschen zu entdecken. Ist die Einrichtung protzig, angepasst oder völlig uninspiriert? Mit Liebe zum Detail? Was hängt an den Wänden? Kunstdrucke, Familienfotos, oder gar nichts? Versucht der Mensch, der dort wohnt, nach außen etwas bestimmtes darzustellen? Und gelingt ihm das? Warum findet er bestimmte Sachen schön? Das sind für mich interessante Fragen denen ich auch in “Kuckucksmädchen” nachgehe. Dort fragt sich Wanda zum Beispiel, warum wir Großstädter alle so verrückt nach geschliffenen Altbaudielen sind.
Und warum sind wir Großstädter so verrückt nach abgeschliffenen Altbaudielen?
Ich denke, dass wir in unseren grauen, künstlichen Großstädten ganz schön die Natur vermissen. Und deswegen einfach versuchen, Natürlichkeit zu immitieren, indem wir uns ein bisschen Bullerbü nach Hause holen. Wiesenblumen auf dem Tisch, bunte Stühle drum herum und eben auch die heißgeliebten Holzdielen. Wenn alle danach schreien wird es irgendwann zum Trend. Hier in Hamburg können wir uns nicht mehr retten vor Cafes und Einrichtungsläden im dänischen Landhausstil.
Interpretierst du Menschen? Und wie stark nimmst du diese Beobachtungen in deine Bücher auf?
Ich habe mich schon immer am wohlsten in der Rolle des Beobachters gefühlt. In meinen Büchern verwende ich oft Dinge, die ich irgendwo aufgeschnappt habe. Die Art, wie jemand am Nachbartisch spricht oder wie eine Freundin ihre Wohnung einrichtet. Erst hatte ich ein schlechtes Gewissen, mich so am Leben anderer zu bediehnen, irgendwann bin ich dahinter gekommen, dass die meißten Autoren das ganz ähnlich machen…
”Kuckucksmädchen” ist eine Entscheidungshilfe für unentschlossene (junge) Frauen? Und für Männer ein Appell, Mann zu sein und gutes Timing zu beweisen…?
Ich habe eigentlich nicht das Bedürfnis, Lesern Botschaften oder ähnliches zu vermitteln. Wie gesagt – Ich beboachte gern. Und ich schreibe diese Beobachtungen auf. Wenn jemand aus meinen Büchern etwas für sich herausziehen kann, freut mich das sehr.
Danke, Eva, für das sehr nette, interessante und informative Interview! Viel Erfolg mit deinem neuen Roman “Kuckucksmädchen”, der heute bei PIPER erscheint. Was wir von dem Buch halten, könnt ihr hier nachlesen.
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