Hallgrímur Helgason im Interview

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Der isländische Autor Hallgrímur Helgason wurde am 18. Februar 1959 in Reykjavík geboren. 1990 erschien sein erster Roman ”Hella”, weltweit bekannt wurde er durch Romane wie ”Vom zweifelhaften Vergnügen, tot zu sein” und “Rokland”. Im Jahr 2000 wurde Helgasons “Reykjavík 101″ mit Hilmir Snær Guðnasonund Victoria Abril in den Hauptrollen verfilmt.
Im Herbst 2010 erhielt sein aktueller Roman ”Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen” den Titel “Kuriosester Buchtitel 2010″. Was Helgason davon hält und wie er auf die Idee zu seiner Hauptfigur Toxic kam, verrät er hier im Interview.

Literatur-Community: Island ist ja für seine vielseitige literarische Kultur, z.B. die Isländersagas oder die Skaldendichtung bekannt. Sie selbst sind Dichter, Autor und Maler, schreiben Hörspiele fürs Radio, Drehbücher fürs Fernsehen. Was macht Ihrer Meinung nach heute einen isländischen Künstler heute aus?
Hallgrímur Helgason: Ich bin heute in erster Linie Autor. Ich versuche immer noch Zeit für die Kunst aufzubringen, aber es klappt einfach nicht. Heute wird ein isländischer Künstler mehr als zuvor von anderen Ländern wahrgenommen, er muss dafür nicht nur Isländer, sondern nur einheimisch sein, wie früher. Ich weiß nicht, warum, aber es scheint, dass ausländische Medienvertreter und Journalisten großes Interesse an unserem kleinen Land haben. Wir dachten, wir hätten in dieser Hinsicht den Höhepunkt schon erreicht, doch es scheint noch immer aufwärts zu gehen. Ich vermute, dass das für isländische Künstler in Ordnung ist. Sie sind nicht von der Vergangenheit geprägt, wie man es in manchen ”alten” Ländern sieht. Sie sind vielleicht geprägt durch die Wirtschaftskrise vor zwei Jahren, aber dies kann auch eine große Inspiration sein.

Liegt das künstlerische Talent bei Ihnen in der Familie?
Die Schwester meiner Großmutter mütterlicherseits war Malerin. Sie malte Landschaften, teilweise im Stil von Paul Cézanne. Das war in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Der Bruder meiner Großmutter väterlicherseits ist ein bekannter klassischer Komponist. Er studierte in den USA bei Paul Hindemith.

Wer sind Ihre Lieblingsschriftsteller? Haben sie Sie zum Schreiben inspiriert?
Meine Lieblingsautoren sind heute Michel Houellebecq, Philip Roth, Charles Bukowski, Vladimir Nabokov und der Isländer Halldór Laxness. Er und Gudbergur Bergsson, ein weiterer großartiger isländischer Autor, wären die, welche mich inspiriert haben als ich jung war. Später habe ich viel übers Schreiben gelernt als ich William Shakespeare und Henrik Ibsen gelesen habe.

Wann haben Sie mit dem Schreiben angefangen und über was haben sie geschrieben? 
Ich fing mit 18 Jahren an. Ich hatte eine Grippe und war mit 39 Grad Fieber zuhause. Plötzlich geriet ich in eine Art Trance und habe angefangen über meine Schulzeit zu schreiben. Es war fast so was wie eine religiöse Erfahrung, eine Offenbarung und ich war ein wenig geschockt deswegen. Später schrieb ich ein paar Zeitungsartikel, in denen ich mein Leben in New York City beschrieb, nur um mir etwas Geld dazuzuverdienen, während ich dort lebte. Meinen ersten Roman schrieb ich mit 29. Er handelte von einem 14-jährigen Mädchen und ihre ersten Erfahrungen in der Welt der Erwachsenen.

Was inspiriert Sie? 
Die Menschen um mich herum. Ihnen zuzuhören, sie anzusehen. Manchmal inspirieren mich auch Bücher, aber meistens ist es das echte Leben. Gestern traf ich einen Kerl, der bestimmt schon 60 Jahre alt war. Alles, auf das er Bezug nahm, seine gesamten Vorstellungen und Antworten schienen von 1984 zu stammen. Ich fand ihn wahnsinnig komisch. Vielleicht kann ich ihn mal als eine witzige Figur verwenden.

Wie beginnen sie ihre Romane; was ist zuerst da: die Handlung oder die Figuren?
Normalerweise kommen die Figuren zuerst. Ich möchte besondere Menschen, seltsame Charaktere erfinden, die dann lebendig werden. Sie müssen lebendig sein und dann beginne ich über sie zu schreiben oder sie beginnen mir ihre Geschichte zu erzählen. Ich schreibe ja oft in der ersten Person.

Wie lange brauchen Sie normalerweise einen Roman zu schreiben?
Ein bis zwei Jahre, das hängt davon ab, wie umfangreich er wird. Gerade bin ich dabei einen Roman zu beenden, den ich vor zwei Jahren anfing. Er ist sehr umfangreich, über 500 Seiten. Und es ist ein historischer Roman, der mehr Arbeit erfordert, Recherche und all so was, also viele Bücher lesen…

Recherchieren Sie für Ihre Romane?
Ja, wenn es nötig ist. Aber nicht zu viel. Ein Hochspringer muss sprintend in den Sprung kommen, aber deswegen braucht er keine zwei Kilometer zu rennen, 20 Meter reichen völlig aus.

Wann schreiben Sie? Gibt es eine bestimmte Tageszeit, die Sie zum Arbeiten bevorzugen?
Ich beginne um neun Uhr morgens und arbeite bis fünf oder sechs Uhr abends. Früher habe ich auch an Wochenenden gearbeitet, jetzt aber nicht mehr, denn nun habe ich kleine Kinder. 

Wenden wir uns Ihrem Roman „10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen“ zu. Wann hatten Sie die Idee für die Hauptfigur Toxic? Wie wurde er „geboren“?
Ich saß im Flugzeug nach Oslo. Meine Sitznachbarin war eine Priesterin, sie war auf dem Weg zu einer theologischen Konferenz. Kurz vor der Landung ging sie auf die Toilette, ließ aber all ihre Sachen auf dem Sitz liegen, all die Unterlagen zur Konferenz wie Namensschilder und Dokumente, alles mit ihrem Namen gekennzeichnet. Ich dachte, wenn sie nicht von der Toilette zurückkommt, könnte ich ja all ihr Zeugs an mich nehmen und eine Woche lang vorgeben, sie zu sein. (Ihr Name klang auch ein wenig männlich.)
Die Idee, eine andere Person zu werden, eine andere Identität anzunehmen, fand ich ziemlich aufregend. Ich dachte eine Weile darüber nach. Ein Jahr später ging ich in ein Berliner Hotelzimmer und da war Toxic: Die Idee wurde lebendig und ich fand die Lösung: Ein Mitglied der kroatischen Mafia wird zum Priester und reist nach Island. Die ganze Handlung des Buches fiel mir in diesem Moment in diesem Hotelzimmer ein – in nur fünf Minuten! Das war ziemlich seltsam. Das müsste ja bedeuten, dass der Typ, der vor mir in diesem Zimmer übernachtet hatte, eigentlich ein Mafioso aus Zagreb war.

Toxic kämpfte in Kroatien und erlebte den Bürgerkrieg dort. Gibt es versteckte politische Kritik in dieser Figur?
Nein. Ich denke, man kann Toxic und seine Probleme verstehen. Er zieht aus, um für sein Vaterland zu kämpfen. Das ist verständlich, aber gleichzeitig auch sehr tragisch. Warum verteidigt man sein Heimatland? Warum riskiert man sein Leben für ein Stück Stein und Gras? Es ist sehr menschlich, dies zu tun, aber auch sehr dumm. Im Buch philosophiert Toxic darüber. Der Roman ist vielleicht ernster als man denkt. Aber es gibt mehr moralische und philosophische Probleme als politische. Ich brauchte den Krieg, damit der Leser Mitleid mit Toxic bekommt.

Als Toxic in Island ankommt, denkt er, es habe ihn in ein Niemandsland verschlagen. Er braucht etwas Zeit, um Sympathien zu Land und Leuten aufzubauen. Dieses negative Bild Islands spielt in allen Ihren Romanen eine Rolle. Sind Sie enttäuscht oder frustriert von ihrem Heimatland?

Ich hasse Island und gleichzeitig liebe ich es. Natürlich wirst du verrückt in einem Land zu Leben, das nur 300.000 Einwohner hat. Es bedeutet, dass eine Menge Idioten (Leute, die in anderen Ländern auf ihren Bauernhöfen bleiben) in die Regierung einziehen, für Zeitungen und fürs Fernsehen arbeiten. Das macht dich verrückt! Ich denke, jeder Autor ist von seinem Vaterland enttäuscht und verarbeiten dieses Gefühl.

Stellen Sie sich vor, jemand verfilmt “10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen” und Sie dürfen an diesem Projekt mitarbeiten, wen würden sie als Regisseur auswählen? Quentin Tarantino vielleicht? Und wer sollte Ihrer Meinung nach Toxic spielen?
Ich mache mir über so was keine Gedanken. Es hat ja keinen Sinn oder irgendeine Bedeutung. Du weißt nie, was passieren wird. Jeder gute Schauspieler kann Toxic spielen, aber natürlich wäre ein echter kroatischer Schauspieler am Besten. Tarantino wäre auch klasse, ich bewundere seine Arbeit, aber er verarbeitet nur seine eigenen Drehbücher.

In Deutschland erhielt Ihr Roman “10 Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen” als “Kuriosester Buchtitel 2010″ ausgezeichnet. Wie fühlen Sie sich dabei?
Stolz! Es war ja auch tatsächlich ein sehr kurioser Titel und sollte auch so ‘rüberkommen. Daher ist es einfach großartig “Der Kurioseste” zu sein.

Arbeiten Sie gerade an einem neuem Roman? Und wovon wird er handeln?
Der Titel ist “Eine Frau bei 1000°”. Es wird hoffentlich im Herbst in Deutschland erscheinen. Es ist ein Bücher über eine alte Frau, die sterben wird. Sie ist Bettlägerig und lebt allein in einer Garage, nur mit ihrem Laptop und einer Handgranate aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie hat beschlossen, dass ihr Körper nach ihrem Tod verbrannt werden soll (deswegen die 1000°) und sie bereitet sich auf ihren Tod vor, während sie ihre Lebensgeschichte erzählt. Sie war eine Waise und lebte während des Krieges in Deutschland, später verbrachte sie ihr Leben an vielen verschiedenen Orten. Ihr Vater kämpfte für die Nazis, deshalb flohen die beiden nach dem Krieg nach Argentinien. Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit, eine echte Figur, sie starb 2007, außerdem war sie die Enkelin des ersten Präsidenten Islands. Aber ich habe viele Änderungen vorgenommen und eine Menge Dinge fiktionalisiert. Es war sehr anspruchsvoll dieses Buch zu schreiben und ich bin sehr erschöpft momentan, emotional und körperlich ausgelaugt. Ich hoffe nur, dass die Leute es auch lesen wollen.

Vielen Dank für das Interview und Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben.

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