Rebecca Gablé gilt mit Recht als die “Königin des Historischen Romans”. In ihren Romanen entführt sie die Leser ins mittelalterliche England und versteht es, sie auf jeder Seite zu fesseln – auch wenn der Roman ein Wälzer von über 1000 Seiten ist. Mit “Der dunkle Thron” ist der vierte Band der Waringham-Saga erschienen. Dieses Mal geht die Reise jedoch in eine andere Epoche.
In unserem Interview stand uns Rebecca Gable Rede und Antwort und verriet uns vieles über ihre Arbeit und ihre Romane.
LitaCom: Frau Gablé, wie fühlten Sie sich, einen knapp 1000 Seiten umfassenden Roman fertiggestellt zu haben?
Rebecca Gablé: Immer wenn ich ein Manuskript beende, bin ich einerseits erleichtert oder sogar euphorisch, dass ich es geschafft habe, andererseits aber auch ein bisschen melancholisch. Ich arbeite ja zwei Jahre an einem Buch, und wenn mir dann klar wird, dass ich diese Menschen zwischen den Buchseiten, mit denen ich so viel Zeit verbracht habe, jetzt nicht mehr täglich treffen werde, werde ich schon mal ein bisschen wehmütig.
Mit „Der dunkle Thron“ schreiben Sie die Geschichte der Familie Waringham fort, im Vorwort ihres Romans erklären Sie, dass Sie damit einem Wunsch Ihrer Leser nachkommen. War für Sie die Waringham-Saga denn bereits in „Das Spiel der Könige“ abgeschlossen?
Das Spiel der Könige endet 1485, und man sagt, dass mit den Ereignissen dieses Jahres auch das englische Mittelalter endet. Darum war für mich klar: Hier findet die Waringham-Saga ihren natürlichen Abschluss. Ich habe damals im Traum nicht daran gedacht, das Mittelalter zu verlassen und einmal von einer anderen Epoche zu erzählen. Aber dann schlichen sich im Laufe der nächsten Jahre die Waringham immer zurück in meine Gedanken. Ich merkte, dass ich neugierig wurde, wie es ihnen unter Henry VIII. oder dessen Töchtern wohl ergehen würde. Aus Mails und Zuschriften wusste ich, dass viele meiner Leserinnen und Leser diese Neugier teilten. Also habe ich Waringham wieder auferstehen lassen.
„Der dunkle Thron“ spielt fast 50 Jahre nach den Ereignissen in „Das Spiel der Könige“, nämlich in der Neuzeit. War das für Sie auch die Möglichkeit, der Familiensaga neue Facetten und Handlungsspielräume zu verleihen, also praktisch frischen Wind im ausgehenden Mittelalter?
Durch den großen Zeitsprung wollte ich vor allem verdeutlichen: Wir sind mit diesem Roman in einer ganz neuen historischen und kulturellen Epoche angekommen. Die einsetzende Reformation und vor allem der Buchdruck haben die Welt bis in die Grundfesten erschüttert und verändert. Mitten in dieser neuen Zeit zu beginnen, machte die Veränderungen augenfällig, und das wollte ich.
Die englische Reformation unter Henry VIII. ist eine spannende Epoche voller gesellschaftlicher und politischer Umbrüche. Was hat Sie daran so fasziniert und wie haben Sie sich dieser Zeit genähert?
Eben genau diese Umbrüche waren es, die mich am meisten interessierten: Politische und wirtschaftliche Verwerfungen in ganz Europa durch die „Entdeckung“ der neuen Welt und die Reformation, eine veränderte Wahrnehmung des Individuums und eine wahre Flut neuer Ideen durch den Humanismus, die dank der Druckerpresse viel schnellere Verbreitung fanden. Im Mittelalter veränderten die Dinge sich gemächlich, von einem Jahrzehnt oder sogar Jahrhundert zum nächsten. In der Renaissance ging das viel schneller. Genähert habe ich mich der Zeit wie jedem neuen Thema: Mit Lesen, Lesen und nochmals Lesen.
Wie passt Nick of Waringham in diese Zeit? Ist er ein typischer Vertreter dieser Zeit?
Ich glaube, ja. Nick selbst und sein Vater werden zu König Henrys Opfern, weil sie einen älteren Stammbaum haben als die Tudors. Zählen Sie mal die Angehörigen des „alten“ Adels in England, die während Henrys Regentschaft unter dubiosen Umständen das Leben verloren, dann wissen Sie, wie zeittypisch solch ein Schicksal war. Die Ereignisse und Begleitumstände der Reformation stürzen Nick in eine persönliche Krise und werden für ihn zur existenziellen Bedrohung. So erging es vielen Menschen zu der Zeit. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, denen Nick sich ausgesetzt findet, waren beim alt eingesessenen Landadel dieser Epoche ebenfalls üblich. Und oft fühlt Nick sich, als wäre er aus der Zeit gefallen, als passten er und sein Weltbild nicht mehr in seine Gegenwart. Das haben die Abkömmlinge der alten Adelsgeschlechter wohl tatsächlich so empfunden, weil ihnen die Klasse der so genannten „neuen Männer“ – die aus dem Bürgertum in den Adel aufstiegen und durch die Aufhebung der Klöster zu großen Ländereien kamen – ihre traditionelle Stellung als Lords, als politische Macher auf Tuchfühlung mit dem König, streitig machten.
Sie widmen sich verstärkt Prinzessin Mary, also der Tochter von Henry VIII. Im Nachwort erklären Sie, Sie wollten versuchen, darzustellen, wie Mary zu der wurde, die sie war. Würden Sie sagen, Mary war ein Opfer der Reformation? Auch im menschlichen Sinne?
Ich glaube, Mary war mehr ein Opfer ihrer Eltern. Als Henry sich zur Trennung von Katharina von Aragon – Marys Mutter – entschloss und sich Anne Boleyn zuwandte, hat er seiner Tochter, die bis dahin sein Ein und Alles war, praktisch über Nacht jede Zuneigung entzogen. Sie war zu dem Zeitpunkt im frühen Teenageralter, also in einer ohnehin schwierigen Entwicklungsphase, in der ein junges Mädchen besonders verwundbar ist. Aber trotzdem wurde sie von ihrer Mutter getrennt, zeitweise völlig isoliert, später auch erbarmungslos unter Druck gesetzt und mit dem Tod bedroht, um ihre politische Linientreue zu erzwingen. Ihre Mutter hat Mary aber auf ihre Weise ähnlich massiv unter Druck gesetzt, hat ihr den religiösen Fanatismus vorgelebt und ihr eingeimpft, sie müsse eine knallharte Herrscherpersönlichkeit werden wie ihre kastilische Großmutter. Katharina hätte ja auch – rein theorietisch – ihrer Tochter zuliebe nachgeben und in die Scheidung einwilligen können. Aber sie hat sich anders entschieden. So geriet Mary zwischen die völlig verhärteten Fronten dieses dramatischen Ehekriegs. Die Wirren der Reformation haben ihre fanatische Treue zur katholischen Kirche und dem Papst sicher befördert. Aber ursächlich für ihre labile Persönlichkeit und ihr Versagen während ihrer Regentschaft waren sie meiner Meinung nach nicht.
Henry VIII. ist vielen jungen Leuten ja seit der TV-Serie „The Tudors“ wieder ein Begriff. Allerdings zeichnen Sie – anders als die Serie – das historisch fundierte Bild eines fettleibigen und chronisch kranken Königs, besonders in seinen letzten Lebensjahren. Vielen Leser war Ihre Darstellung zu überspitzt, manche sprachen von „Rebecca Gablés persönliche Abrechnung mit Henry VIII“. Erschien Ihnen Henry VIII. wirklich so unsympathisch?
Bei „persönliche Abrechnung“ muss ich schmunzeln. Das ist natürlich völliger Unsinn. Als ich mit meiner Recherche über Henry begann, war ich ihm gegenüber völlig neutral, weil ich viel Widersprüchliches gehört oder gelesen oder in Filmen und Dokus gesehen hatte, aber eigentlich nichts Genaues wusste. Also begann ich meine Recherche ergebnisoffen. Meine Darstellung seiner Persönlichkeit ist nicht überspitzt und auch nicht Ausdruck meiner persönlichen Antipathie, sondern einfach nur das Ergebnis dieser Recherche. Nach dem aktuellen Stand der Forschung war Henry VIII. ziemlich genau so, wie ich ihn geschildert habe: Egomanisch, rücksichtslos, unberechenbar und grausam in seiner Launenhaftigkeit und mit fortschreitendem Alter und fortschreitender Krankheit psychisch völlig aus dem Gleis. In der TV-Serie „The Tudors“ wurde viel Unsinn erzählt, aber die Darstellung Henrys und seiner Persönlichkeit war gar nicht so weit von der meines Romans entfernt. Der Unterschied war vielleicht, dass die Drehbuchautoren mehr Mitgefühl für Henry hatten als für seine Opfer. Das war bei mir nicht der Fall. Und Jonathan Rhys-Meyers sah eben auch besser aus als der wahre Henry, was es den Fernsehzuschauern möglicherweise leichter gemacht hat, etwas gnädiger über ihn zu urteilen, als er es verdient hat ;-)
Nach der Reformation kommt das Elisabethanische Zeitalter, eine Blütezeit Englands: Shakespeare, Theater, Francis Drake und die Regierung Elisabeth I. Wäre dies nicht der spannende Hintergrund einer weiteren Episode der Geschichte der Waringhams?
Doch, ganz sicher, aber ich habe noch nichts entschieden.
Bisher spielten Ihre Romane im englischen Mittelalter, doch in Ihrem neuen Roman widmen Sie sich einer ganz anderem Abschnitt der englischen Geschichte. Ist Ihnen das Mittelalter zu langweilig geworden? Und wie war das für Sie hier einmal „auszubrechen“?
Das Mittelalter kann für mich niemals langweilig werden. Je mehr man darüber lernt, desto vielschichtiger und facettenreicher und verblüffender wird es. Trotzdem war der Ausflug in die Renaissance sehr spannend. Ich fand es interessant zu sehen, was sich im Vergleich zum Mittelalter verändert hatte und was noch genauso war wie im 15. Jahrhundert. Die Veränderungen, vor allem in Bezug darauf, wie die Menschen dachten und wie sie tickten, haben mich am meisten interessiert.
In welche Zeit würden Sie gerne einmal tiefer eintauchen?
Ins Mittelalter vor der Jahrtausendwende.
Ihre Romane sind immer präzise und ausführlich recherchiert. Wie schaut so eine Recherche bei Ihnen aus? Verschließen Sie sich in Bibliotheken mit alten Schriften oder besuchen Sie auch die Schauplätze Ihrer Romane?
Der Großteil der Recherche besteht tatsächlich darin, Quellen und historische Fachbücher zu lesen. Ich arbeite viel in meiner ehemaligen Uni-Bibliothek, aber nicht mit alten Schriften. Die sind für den täglichen Gebrauch viel zu kostbar, und es ist auch nicht nötig, sie aus ihren klimatisierten Panzerschränken zu holen, denn fast alle sind als wissenschaftlich aufbereitete Druckausgaben oder sogar online zu haben. Aber natürlich mache ich auch Recherchereisen zu den Schauplätzen – soweit noch vorhanden. Selbst wenn die eigentlichen Bauwerke nicht mehr existieren, ist es oft hilfreich, die Landschaft zu sehen, in die sie eingebettet waren. Und wenn ich eine Burg oder Kathedrale besuche, die als Schauplätze in meinem Roman eine Rolle spielen, finde ich es sehr inspirierend, mir vorzustellen, dass die historischen Figuren meiner Geschichte sich wirklich hier aufgehalten haben.
Wie lange dauern Ihre Recherchen? Wann kommt der Punkt, an dem Sie erkennen, dass Sie mit der Recherche durch sind?
Ich glaube, wenn man auf diesen Punkt warten wollte, würde man wohl nie mit dem Schreiben beginnen. Eine Recherche ist niemals wirklich abgeschlossen – das Gefühl, noch Lücken zu haben, bleibt einem leider immer erhalten ;-) Die erste, intensive Recherchephase zu Beginn eines neuen Projekts dauert bei mir so etwa drei Monate, während derer ich wirklich nichts anderes tue, als zu lesen. Nach dieser Zeit habe ich einen ungefähren Überblick über mein Thema und fange an zu schreiben. Aber ich recherchiere fast bis zum Ende der Entstehung des Manuskripts immer parallel weiter.
Wie entsteht ein Roman von Rebecca Gablé? Woher nehmen Sie Ihre Ideen, bei den Recherchen vielleicht?
Ausgangpunkt für die Idee zu einem Roman ist meistens ein historisches Ereignis oder eine Frage, die meine Neugier weckt. Am besten lässt sich das vielleicht an Das zweite Königreich erläutern. Ich habe mich gefragt: Wie kann es sein, dass ein politisch-militärisches Ereignis wie die normannische Eroberung Englands 1066 solch eine einschneidende Veränderung nicht nur im Leben der Zeitgenossen, sondern auch für die die gesamte kulturelle Entwicklung Englands mit sich brachte und z.B. die Sprache grundlegend veränderte (vorher angelsächsisch – nachher Mittelenglisch, das schon viel Ähnlichkeit mit der heutige Sprache hat). Also fing ich an zu lesen, um eine Antwort auf meine Frage zu finden, und stellte ziemlich bald fest, dass ein Roman in diesem Thema steckte. Ich las weiter, machte eine Recherchereise in die Normandie und nach England, und als ich so weit war, wählte ich meine historische Hauptfigur, Wilhelm den Eroberer, und meinen fiktiven Protagonisten, Caedmon of Helmsby, der dank seines angelsächsischen Vaters und seiner normannischen Mutter zum Wanderer zwischen den beiden gegensätzlichen Kulturen wird.
Wie lange schreiben sie durchschnittlich an einem Roman?
Der gesamte Entstehungsprozess aus Recherche, Planung und Niederschrift dauert zwei Jahre.
In Ihren Romanen gibt es größtenteils männliche Helden, verglichen mit anderen Historischen Romanen. Mögen Sie keine weiblichen Hauptfiguren?
Ich habe nichts gegen weibliche Hauptfiguren in Romanen anderer Kolleginnen und Kollegen, aber ich persönlich schreibe lieber über Männer. In meinen Romanen geht es ja immer um Politik und die Ausübung von Macht, und es war nun mal so, dass diese Domänen in vergangenen Epochen fast ausschließlich von Männern besetzt waren. Das typische Frauendasein in Mittelalter und Renaissance war trist und fremdbestimmt. Und ich finde, es gibt schon genug Romane über besonders außergewöhnliche oder mutige Frauen, die aus dieser Rolle ausbrechen, da muss ich nicht auch noch welche hinzufügen.
Sie selbst nutzen weiße Flecken in der Geschichte und bauen diese in Ihre Handlung mit ein. Was meinen Sie: wie historisch genau sollte ein Historischer Roman sein und wie viel Freiheit darf sich ein Autor nehmen, von den historischen Gegebenheiten abzuweichen?
Gar keine. Wenn vorne historischer Roman draufsteht, sollte auch historisch drin sein. Und zwar so akribisch und genau recherchiert, wie möglich. Selbst wenn wir noch so gründlich arbeiten, unterlaufen uns trotzdem Fehler, das ist eben ein unumgängliches Berufsrisiko für Autoren historischer Romane. Aber historische Ereignisse oder Lebensumstände zu verfälschen, damit sie besser in den eigenen Plot passen, ist ein No Go.
Sie haben auch ein Sachbuch zum englischen Mittelalter geschrieben, mit dem Sie beweisen, dass ein Geschichtsbuch nicht trocken und langweilig sein muss. Wie war Ihr Geschichtsunterricht in der Schule und was hat Sie motiviert ausgerechnet Mediävistik zu studieren?
Ich hatte großes Glück mit meinen Geschichtslehrern in der Schule und erinnere mich an drei, die es wirklich verstanden, die Vergangenheit spannend und erlebbar zu machen. Trotzdem habe ich ja nicht Geschichte studiert, sondern Anglistik und Germanistik. Weil Anglistik mein Hauptfach war, musste ich die mittelalterliche englische Sprache und Literatur – also Mediävistik – als erstes Nebenfach studieren. Aus dem Pflichtfach wurde sehr schnell eine Leidenschaft, und ich drehte meine Fächerkombination um und machte Mediävistik zu meinem Hauptfach.
Welcher historischen Persönlichkeit aus Ihren Romanen möchten Sie gerne einmal begegnen?
Eigentlich allen, aber wenn ich mich auf eine festlegen müsste, würde ich mich vermutlich für John of Gaunt, Duke of Lancaster entscheiden.
Angenommen jemand erfindet eine funktionierende Zeitmaschine: Welches historische Ereignis möchten Sie gerne einmal hautnah erleben und warum?
Die Ermordung der beiden Prinzen im Tower im Jahr 1483. Zugegeben, das ist ein ganz besonders abscheuliches Ereignis, aber ich wüsste einfach zu gern, wer nun wirklich dahinter steckte. Seit dem Tag, da die Prinzen plötzlich verschwanden, wird darüber gerätselt und bis heute erbittert diskutiert. Es wird Zeit, dass dieses Geheimnis mal gelüftet wird …
Frau Gablé, wir bedanken uns für das schöne informative Interview.
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