Andrej Djakov im Interview

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Die Literatur-Community verschlägt es diesmal ins schöne aber kalte Russland: Andrej Djakov erzählt im Interview über seine Tätigkeit als Autor, die besonders durch den Hintergrund des Metro-2033-Universums interessant ist: Djakov ist einer der Autoren, die sich zur Aufgabe gemacht haben, das Metro-Universum von Glukhovsky nicht sterben zu lassen. Aber nicht nur der Autor wird beleuchtet – sondern auch abscheuliche Themen wie der Kannibalismus bleiben im Interview nicht tabu:

Literatur-Community: Hr. Djakow- Sie sind Jahrgang 1978- mit welchen Autoren wächst man da auf? 
Andrej Djakow: Es gibt viele grandiose Schriftsteller, deren Werke einen bleibenden Eindruck auf mich hinterlassen haben. Stephen King, Stanislaw Lem, Isaac Asimov, James Ballard, Simon Clark, John Wyndham, Richard Matheson, Karel Capek, Piers Anthony… die Liste ist endlos.

Wenn wir über berühmte russische Romanautoren sprechen, möchte ich Boris und Arkadi Strugatzki, Sergej Lukianenko, Nick Perumov und Andrej Livadni erwähnen.

In der Autoren-Info steht, dass die phantastische Literatur Sie jeher fasziniert. Nun ist dieses Genre sehr breit gefächert. Horror, Fantasy und Science Fiction. Welches Genre bevorzugen Sie? 
Ich mag vor allem Science Fiction und das post-apokalyptische Genre.

“Die Reise ins Licht” hat etliche religiöse Aspekte, und die sind nicht unbedingt positiv. Inwieweit fliessen da persönliche Ansichten mit ein? Sind Sie ein religiöser Mensch? 
 Ich bin Atheist und versuche nicht religiöse Fragen zu diskutieren, um nicht die religiösen Gefühle von Gläubigen zu verletzen. Russland ist ein multikulturelles Land und fast alle Weltreligionen sind hier vertreten – Orthodoxie, Katholizismus, Islam usw. Gleichzeitig tauchen immer wieder Schwindler und falsche Propheten auf und sie gründen alternative religiöse Bewegungen, um Geld damit zu machen. Deswegen hat das Wort „Sekte” in Russland eine sehr negative Konnotion. Das ist der Grund, warum die Sektierer von “Exodus” die Hauptgegenspieler in meinen ersten Roman sind.

Der Roman beschreibt einige Szenen, welche man durchaus als Splatter deuten kann, und sehr plastisch beschrieben sind. Mögen Sie das Horror-Genre? Und wenn: Eher als Film oder Buch? Oder beides? 
Ja, ich mag Horror als Genre, aber ich bevorzuge Filme wegen der Unterhaltung und der visuellen Umsetzung. In meiner Jugend waren Filme nicht grundsätzlich altersbegrenzt und einer meiner lebhaftesten Eindrücke war der Film „Aliens”. Danach konnte ich einige Nächte nicht schlafen und war von Albträumen geplagt, aber ich begann mich sehr für das künstlerische Schaffen von Hans Rudolf Giger zu interessieren.

 Ein grosses Thema in Ihrem Roman ist Kannibalismus. Nehmen wir den “worst case” an, die Menschheit steht an diesem Abgrund: Würden Menschen soweit gehen? 
 Das Hauptthema meines Romans ist die Geschichte, wie sich die Beziehung zwischen dem Stiefsohn und dem unzugänglichen Stalker entwickelt. Aber wenn wir über Kannibalismus sprechen…
Das ist ein Thema, das normalerweise nicht diskutiert wird, aber Kannibalismus ist so real wie Diebstahl, Sucht und andere menschliche Laster. Kannibalismus ist eine immer wieder bestätigte historische Tatsache (besonders während Kriegen) und meiner Meinung nach ist es nicht mehr als eine Abwehrreaktion des Körpers gegen den Hunger als Folge eines Rückschritts des Menschen und dem Fall moralischer Standards.
Ich würde gerne bemerken, dass die Fortsetzung von „Metro – Die Reise ins Licht“, die im Juli 2011 in Russland unter dem Titel „Metro – In die Dunkelheit“ (Titel übersetzt – Buch ist noch nicht auf dem deutschen Markt erschienen – Anm.d.Übers.) erschienen ist, eine andere Geschichte mit neuen findigen Gegenspielern (keine Kannibalen diesmal) erzählt und geringfügig neue Dimensionen menschlicher Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit öffnet.

 Der Protagonist des Buches ist ja der Waisenjunge Gleb. Mein persönlicher Favourit ist der Stalker Taran. Ein Mann, der jederzeit weiss, was zu tun ist, und Widerstände auf seine Art bekämpft. Keine Zweifel, keine Kompromisse. Es muss doch Spass gemacht haben, diesen Charakter zu entwerfen? 
 Ich mag beide. Diese Charaktere sind sehr unterschiedlich und der Stalker Taran könnte in den Augen eines Teenagers perfekt sein, aber da ist etwas, was ihn von einem Jungen unterscheidet. Etwas, was Taran schon vor langer Zeit verloren hat. Etwas, was er nach der Begegnung mit Gleb wiedergefunden hat… es ist Hoffnung.

 In der “Metro-Saga” ist in Deutschland bisher erst Ihr Roman erschienen. In Russland gibt laut Vorwort bereits zwölf. Welche Autoren sind da vertreten? Ausschliesslich russische? 
 Nicht nur russische, auch ein ukrainischer Autor. Aber soweit ich weiß, werden in nächster Zukunft britische und italienische Autoren zu dem Projekt dazustoßen. Und das ist erst der Anfang!

 Das “Metro-Universum” hat ja viele Autoren angesprochen. Wo liegt denn Ihrer Meinung nach die Faszination dieses Themas? 
 U-Bahnen in russischen Städten (wahrscheinlich nicht nur in Russland) sind als Schutzbunker für den Fall eines nuklearen Angriffes entworfen und konstruiert worden. Sie bieten eine realistische Chance zu überleben. Die Rückkehr an die Oberfläche, die Wiedereroberung verlassener und zerstörter Städte, Kämpfe mit feindlichen Lebensformen… Das „Metro“-Universum ist eine sehr atmosphärische und aufregende Welt. So wie „Fallout“ mit seinen Höhlen und seiner Ödnis. Aber das „Metro“-Universum ist realistischer hinsichtlich der aktuell existierenden und wieder erkennbaren Örtlichkeiten – Städte und U-Bahnen.

 Wie sieht denn Ihre private Bibliothek aus? 
 Natürlich besteht meine private Bibliothek in erster Linie aus Science Fiction Büchern, die ich seit meiner Kindheit sammle.

 Ihr Job im Qualitätsmanagement klingt nach geistiger Arbeit. Ist das Schreiben für Sie ein Ausgleich? 
 Ich denke, dass Schreiben eine nicht minder intellektuelle Arbeit ist, wie das Prüfen von Qualitätsmanagement-Systemen. Für mich ist Schreiben der Weg, um Probleme im Job loszuwerden und der Versuch mich in eine absolut andere Richtung zu verwirklichen.

 Wo schreiben Sie? Und wie? Gibt es einen speziellen Raum, in welchen Sie sich zurückziehen? 
 Beruf, Pflichten im Haushalt, ein kleines Kind… diese Faktoren sind der Kreativität nicht dienlich. Deswegen schreibe ich meistens nachts, wenn meine Familie schläft. Küche, Kaffee und chronischer Schlafmangel sind ständige Begleiter während der Schreibphasen.

 Was halten Sie persönlich davon, mit Papier und Tinte zu schreiben? 
 Ich denke das ist schrecklich lästig und unproduktiv, im Speziellen die Textbearbeitung. Zudem nutze ich das Internet stetig um präzise Informationen über beschriebene Locations zu suchen.

 Und zum Schluss noch eine Frage, die mich immer interessiert: Hören Sie Musik beim schreiben? Und wenn ja- welche?
 Sehr selten. Normalerweise höre ich Musik, um nicht von Umgebungsgeräuschen abgelenkt zu werden – Gespräche, Fernsehgeräusche und so weiter. Ich bevorzuge elektronische Musik – House, Breaks, Jungle, Drums´n´Bass. Breaks ist am besten zum Schreiben geeignet, aber nach wie vor sind die Stille und die Nacht die besten Voraussetzungen für meinen kreativen Prozess.

 Dankeschön für Ihre Zeit, Hr. Djakov!
 Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit!

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