Rezension: Lebendig von Jack Ketchum

Buchcover zu Lebendig von Jack Ketchum

Jack Ketchum hat den Ruf, der gruseligste Kerl Amerikas zu sein. Kein geringerer als Kollege Stephen King verlieh ihm diesen aussagekräftigen Titel, wie das Zitat Stephen Kings auf Jack Ketchums offizieller Webseite belegt. Wer der Autor aber wirklich ist, bleibt weitestgehend im Unklaren. Als Schauspieler verwendete er während seiner aktiven Zeit das Pseudonym Dallas Mayr. Laut Verlag verdiente er schon als Lehrer, Literaturagent und Holzverkäufer seine Brötchen. Aber warum macht ein erfolgreicher Autor so ein Mysterium um seine Person? Eine mögliche Antwort ergibt sich aus der Lektüre eines seiner zahlreichen Bestsellern, die von Kritikern als Meisterwerke gelobt wurden. Mit der deutschen Erstausgabe von „Lebendig“, einer bereits 1998 unter dem Psyeudonym Dallas Mayr veröffentlichen Kurzgeschichte, wagen wir einen Versuch hinter die Maske zu blicken.

Jack Ketchum und die entführte Frau

Der Alptraum beginnt vor einer Abtreibungsklinik. Während ihre Affäre Greg einen Parkplatz sucht, bereitet sich Sara auf ihren Termin im Krankenhaus vor. Doch bevor sie die Klinik betreten kann, wird sie

Rezension: Lebendig von Jack Ketchum

Buchcover zu Lebendig von Jack Ketchum

in ein Auto gezerrt und betäubt. Als Sara wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einer stabilen Holzkiste. Ein Entkommen ist zwecklos. Ihre Entführer haben an alles gedacht, um ihr den Aufenthalt so unangenehm wie möglich zu machen. Sara wird gequält, psychisch und körperlich. Was die beiden von ihr wollen, ist schnell klar: das ungeborene Baby, das in Sara heranwächst. Als Sklavin fristet sie ihr Dasein, doch ihren Willen können ihre Peiniger nicht vollends brechen. Als sich die Möglichkeit bietet, kämpft Sara den Kampf ihres Lebens.

Ein plastisches Bild von Brutalität und Horror

Bei dem Umfang von 185 Seiten von einem Roman zu sprechen ist gewagt. Allerdings sind diese 185 Seiten auch wirklich genug. Jack Ketchum belässt es nicht bei einem psychologischen Thriller, der den Leser in den Bann zieht und ihm Schauer über den Rücken jagt, indem er mit den Gedanken der Leser spielt. Er spart nicht bei den Details über Saras Folter. Kopfkiste, Bestrafung mit der Peitsche oder die Verwendung von Sexspielzeug werden plastisch beschrieben, teilweise mit einer Lakonie und Gefühlskälte, dass man sich beim Lesen fragt was schlimmer ist: Saras Schicksal oder die Phantasie des Autors. Die Story von „Lebendig“ ist vergleichsweise dünn: Frau wird entführt und gequält, die Figuren sind stark stereotyp, sodass das Grauen sich hier nicht wirklich entfalten kann: Ein fanatischer Abtreibungsgegner, der zu allen Mitteln greift, um seine Meinung kund zu tun, die labile unfruchtbare Gefährtin, die sich ein Kind wünscht, die beiden Liebenden, die sich mit einer unerwünschten Schwangerschaft konfrontiert sehen und das plötzliche Happy End. Einen großen Teil der Handlung machen die Gewaltexzesse aus und das brutale Verhalten der Entführer gegenüber Sara. Überraschende Wendungen gibt es nicht, Spannung ist nur in geringem Maße vorhanden.

Jack Ketchum: Kann man mögen, muss man nicht

Entweder man liebt die Bücher von Jack Ketchum oder man verabscheut sie. Der Eindruck entsteht, wenn man sich die verschiedenen Lesermeinungen betrachtet, z.B. bei Amazon. Zu viel Gewalt und Perversionen, Sadismus kritisieren Leser auf der einen Seite, gut durchdachter und durchgespielter Psychoterror und Horror freuen sich die anderen. Mich persönlich haben weder „Lebendig“ noch die beiden Kurzgeschichten überzeugt, die in der Ausgabe als Bonus mitgeliefert werden. Ich bevorzuge Horrorgeschichten, die sich in meinem Kopf voll entfalten und mir bedingt durch meine eigene Vorstellung einen Schauer über den Rücken jagen. Bei Jack Ketchum ging es mir mit machen Filmen: Gib dein Hirn an der Kinokasse ab, du siehst alles, was du sehen musst, interpretieren ist nicht nötig. Die Ausführungen des Autors in „Lebendig“ sind oftmals zu viel des Guten, es wird versucht, den Horror auf subtile Art und Weise zu erreichen. Und man fragt sich schon, wie jemand drauf sein muss, der seine Figuren so bestialisch leiden lässt. Einen düsteren Schocker aus der Feder eines Horror-Großmeisters stelle ich mir anders vor. Weniger brutal und mehr unsichtbaren, aber wirkungsvollen Horror.

Fazit

Eine dünne Story mit viel Gewalt und Perversitäten zu spicken machen keinen großartigen Horror. „Lebendig“ ist ein Roman nur für Fans von Jack Ketchum. Wer guten Grusel und Psycho-Horror sucht, greift lieber zu Stephen King oder Clive Barker.

Lebendig von Jack Ketchum
Originaltitel: Right to Life
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Kristof Kurz
Taschenbuch 224 Seiten
Heyne Hardcore, München 2014
ISBN: 978-3-453-67658-9
€ 8,99 [D] | € 9,30 [A] | CHF 13,50 * (* empf. VK-Preis)

Mehr zu Jack Ketchum gibt es im Special auf randomhouse.de
Hier geht’s zu Leseprobe von „Lebendig“.


Rezension: Lebendig von Jack Ketchum
Falls dir dieser Artikel gefallen hat schreibe ein Kommentar oder abonniere uns mittels RSS-Feed für aktuelle literarische News, Empfehlungen für eBooks, Verfilmungen, Kolumnen und mehr...

One Comment on "Rezension: Lebendig von Jack Ketchum"

  1. Jutta 03/06/2014 at 21:51 ·

    Wie steht ihr zu solchen Büchern? Habt ihr schonmal ein Buch von Jack Ketchum gelesen und hat es gefallen?

    Und was macht für euch ein guter Horror-Roman oder Thriller aus? Wie weit darf ein Autor mit seinen Ausführungen gehen?

Leave a Comment

You must be logged in to post a comment.