Rezension Clint Lukas “Für die Liebe, für die Kunst”

Clint Lukas, Cover, Für die Liebe, für die Kunst

Es gibt Bücher, die machen mir Angst. Zum Beispiel wenn das Autorenfoto direkt zum Cover erhoben wird. Mir schwant, da redet einer über sich und nur über sich. Wer viel im Netz liest, der weiß, wovor ich mich fürchte.

Ein Surfpoet, erfahre ich im Klappentext, ein Pfälzer in Berlin und Filmemacher. Clint Lukas also, der eigentlich Dominik heißt, der raucht, säuft und zum Dichten einen Neoprenanzug trägt.

Oha.

Aber schick ist das schon, das Büchlein. Platschblau, cooles Faltcover und Hörbuch-CD inside. Das Beste aber ist, dass der Autor etwas zu erzählen hat und zu erzählen weiß. Kurzgeschichten sind das nicht, das sind Lebensfetzen, schnell, Dialog lastig, böse, saukomisch und sehr Berlin. Genau wie Berlin kann einem das aber auch auf die Ketten gehen, vor allem wenn man Strandsegler aus der Provinz ist.
Die Attitüde vom armen Künstler, der lebt und liebt, vom Exzess aus Drogen und Sex und vom Genie, das mal eben so zwischen Kotzen und Kater Brillantes hervorbringt – ach komm schon. Schnacker.

Dankbar bin ich, dass der Autor selbst Bukowski zitiert, so kann ich mir das sparen.

Worum es geht? Um das Leben. Um Frauen und noch mehr Frauen, um Broterwerb, um Nächte, Filme, Typen die Filme machen, Einkaufen bei Kaisers oder Aldi, Frauen, Wodka, Medikamentenmissbrauch, Eifersucht und große Liebe, Fortpflanzungssorgen und ach ja, um Frauen.
Lukas Sprache ist klar, schnell und präzise. Dicht. Leicht aber nicht flach. Seine Figuren (ver)weigern sich. Grundsätzlich und gegenüber allem. Oder beinahe allem. Denn ziellos sind sie nicht, es sind nur andere Ziele; jenseits von „Schaffe, schaffe, Häusle baue“ und Familienministerinnenlebensentwürfen. Trotzig, wütend, sarkastisch, lebendig und unterhaltsam bis zur Schmerzgrenze.
Texte, die sich gut auf dem Handy machen würden, zwischen zwei U-Bahnstationen, auf dem Weg zu irgendetwas. Realität und Träume und Poesie im Schnelldurchlauf.

Dennoch. Lesebühnen zu rocken ist eines. Das kann Clint Lukas, der Beweis liegt als CD bei. Aber die Stille zwischen den Buchdeckeln zu füllen, gelesen werden, am Stück, während Tauben dem Leser Bucheckern auf den Kopf werfen oder des Nachts um drei, weil Leser nicht schlafen kann – das ist etwas anderes. Stets wenn ich mehr hören, mehr wissen, dahinter sehen möchte, wenn es ruhig werden darf, dann rennt und rettet sich der Autor in den nächsten Text, macht einen Scherz oder lässt Blut fließen.

Spannend ist, ob es Clint Lukas in Zukunft gelingen wird, jene Stille ein Stück mehr zu tragen und zu wagen – und er kann es, denn in den besten Momenten ist er präziser Beobachter und vergisst die Großmäuligkeit.

„Verdammter Leander“, einer der Kurztexte, erzählt die Begegnung zweier Menschen, ist eine Hommage an den Film, das Fangen dieses Moments, in dem man hinschmeißt und nicht weiß, ob das jetzt aus gutem Grund war oder schiere Feigheit vor dem, was es bedeutet anzukommen.
Mal abgesehen davon, dass HdR einen elender Mistfilm ist, den man nur gut finden kann, wenn man das Buch nicht verstanden hat (ja, holt nur die Fackeln und die Mistgabeln, dazu stehe ich) und bei der Liste der besten fünf Filme eindeutig und völlig unverständlicher Weise Starship Troopes fehlt – ist „Verdammter Leander“ einer der besten oder sogar der beste Text. Auf der CD ist er nicht vertreten, was eventuell dafür spricht, dass der Autor der ruhigeren Erzählweise noch nicht traut.

Was bleibt, wenn man das Büchlein schließt, ist eine Ahnung: Hier, auf den Lesebühnen und im Untergrund (wenn man denn so etwas wie Untergrund überhaupt hat im schönen ordentlichen Deutschland); hier entsteht eine neue Literatur. Jenseits von Verlagsprogrammen und Literatursendungen. Der Generationenroman als App.

Bis dahin ist und bleibt es großartige Unterhaltung für alle, die diese extrem enge Schriftart noch ohne Lesebrille entziffern können. Für den Rest liegt ja das Hörbuch bei.

 

Mehr?

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Lesebühne: regelmäßig jeden Mittwoch ab 21:00 Uhr im Pfefferberg, Haus 13, Schönhauser Allee 176, Berlin

youtube

(Man beachte, wie Lukas ‘Deppen’ sagt – großartig)

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