Popliteratur: Ein kleiner Crashkurs

Pop

 In den Medien hört man oft davon, dass jemand einen „Poproman“ herausgebracht hat oder ein „Popliterat“ sei.

Aber was genau ist das, dieses „Pop“? Ist man eine schreibende Madonna oder Lady Gaga, schreibt man über Musik oder was genau ist man?

Hier ein kleiner „Crashkurs“ in Sachen „Popliteratur“.

Beginnen wollen wir mit einer Definition, also den basics:

Diedrich Diederichsen hat es so formuliert:

»-1 Pop ist immer Transformation, im Sinne einer dynamischen Bewegung, bei der sich kulturelles Material und seine soziale Umgebungen sich gegenseitig neu gestalten und bis dahin fixe Grenzen überschreiten: Klassengrenzen, ethnische Grenzen oder kulturelle Grenzen  (…)

-2 Pop hat eine positive Beziehung zur wahrnehmbaren Seite der sie umgebenden Welt, ihren Tönen und Bildern. (…)Die Revolte ergibt sich aus einem großen JA (zu Leben, Welt, Moderner Welt), nicht aus einem Nein und einem Ja zur Utopie

-3 Pop tritt als Geheimcode auf, der aber gleichzeitig für alle zugänglich ist.«

(Aus Thomas Ernst „Popliteratur“, Rotbuchverlag, Hamburg, 2001, Seite 6)

Jetzt haben wir drei Punkte, die einem aber noch immer nicht verraten, was genau Popliteratur ist.

Gehen wir kurz näher auf diese Punkte ein, bevor wir dann eine eigene Definition gestalten.

zu 1) Pop verändert sich andauernd und dies in einem Zwischenspiel von Kultur und sozialer Umgebung. Dabei spielen Grenzen keine Rolle, sondern werden überwunden.

zu 2) Pop thematisiert die Welt aus Bildern und oder auch Tönen, beschäftigt sich also mit Medien. Damit ergibt sich auch die das Bild vom „Zwischenspiel von Kultur und sozialer Umgebung, bspw. anhand des Internets, dem Web 2.0 usw.

zu 3) Hier löst Diederichsen also das Rätsel: »Jeder kennt, weiß intuitiv, was Popliteratur ist und dennoch kann man es nicht genau fassen.«

 Was bleibt also nach diesen brachial schwammigen Aussagen? Man kann sich scheinbar dem Begriff nur nähern, denn Pop scheint eine alleinige subjektive Sichtweise zu sein.

Versuchen wir folgende Definition:

Es gibt keine einzige, richtige und präzise Definition von „Popliteratur“, sondern Popliteratur besticht durch eine subjektive Sichtweise und eine scheinbar oberflächliche Thematisierung (Wirklichkeitsbeobachtungen, schnell, leicht konsumierbar) von Kultur und sozialen Strömungen. So zeichnet der Poproman den alltäglichen Wahnsinn eines Normalbürgers wieder.

Was kommt in einem Poproman vor?

 Die Charaktere in der Popliteratur zeichnen sich durch viele Dinge aus. So pendeln sie immer zwischen verschuldet und „keine Sorgen über finanzielle Angelegenheiten“. Ein Protagonist kann Probleme auf der Arbeit haben oder sich verzockt haben, dennoch spielt Geld in der Welt eines Popromans keine wesentliche Rolle, sondern ist lediglich Mittel zum  Zweck. Somit hat ein Protagonist keine gesichterten Ressourcen, was in den meisten Fällen auch kein Problem darstellt, lebt der Charakter in den Tag hinein oder hat wesentlich größere Probleme. Aber welche?

Wie bereits oben beschrieben, setzt sich der Charakter mit dem alltäglichen Wahnsinn auseinander. So verwundert ein gewissen Spektrum an Themen nicht:

  • Gewalt
  • Drogen
  • Party
  • Sex
  • Kummer
  • Reisen
  • Erwachsenwerden
  • Selbstfindung
  • Medien und Alltag

Diese Themen stellen nur exemplarisch Themengebiete der verschiedenen Teile eines Popromans dar.

 Der Protagonist wirkt oft jugendlich, kann dabei 17 oder 36 Jahre alt sein, das Alter spielt nur eine unwesentliche Rolle, es geht vielmehr darum, dass der fehlerbahaftete Charakter jugendlich, modern „hip“ wirkt und sich umgangssprachlich durch sein Leben windet.

Dabei spielt die „individuelle Ich-Findung“ eine wesentliche Rolle.

So wird der Protagonist anfangs vor Problemen gestellt, die er bis zum Ende des Romans zu lösen hat.

Bsp.: Große Liebe, Selbstmord, Seinsfindung, Drogen usw.

Dabei bleiben zwei Alternativen: 

  • Protagonist schafft es das Problem zu lösen- Happy End
  • Protagonist scheitert an dem Problem- Tragisches Ende /Drama

Lustigerweise hatten schon die Griechen genau diese Art von „Ende“. Entweder es wurde komödiantisch (was im Poproman stellenweise vorkommen kann, aber nicht muss) oder es endet tragisch mit Tod und einem Armageddon- wobei der Poproman nicht mit einem dermaßen überspitzten Ende aufwarten muss, dennoch kann.

Zudem hat die Popliteratur ein riesiges Problem: Sie will nicht konservativ und spießig wirken, dennoch tauchen oft belehrende Dinge auf, wie im altkonservativen Bildungsroman, von dem sie sich doch eigentlich distanzieren will.

Stilistik im Poproman:

Stilistisch kann man hier auch keine Grenzen setzen. Meistens jedoch ist es eine lockere Sprache (Nick Hornby bspw.). Jugendsprache oder alltägliche Sprache kommen hier zum Ausdruck und verstärken die Thematik per se. Zumal oftmals jeder Charakter einen eigenen „Slang“ aufwirft. So kann ein dreißigjähriger Mann ganz anders sprechen, als jetzt eine 17 jährige. Beide bedienen sich der alltäglichen Sprache, aber jeder für sich benutzt ein anderes Vokabular, Satzstruktur usw. – ergo wie bei „uns“ im Alltag auch.

Kleine Geschichte zur Popliteratur:

 Jetzt haben wir an sich eine halbgare Definition geliefert, die Stilistik und auch die Themen kategorisiert, bleibt nur noch die zeitliche Einordnung bzw. warum es denn diese scheinbare oberflächliche Betrachtungsweise gibt.

Heutzutage kennt man viele Popliteraten, neben Benjamin von Stuckrad- Barre oder Christian Kracht, der gerade mit „Imperium“ die Feuilletons und die Presse  in zwei Lager teilte, Alexa Henning von Lange oder auch internationale Autoren, wie Bret Easton Ellis oder Nick Hornby. Doch das war nicht immer so:

Nach zwei Weltkriegen, dem ehemaligen humanistischen Denken und Wirken, wollte man andere Dinge. Die Beatgeneration schwang ihren Tacktstock oder die Feder und die Künstler begannen mit bunten, scheinbar „absurden“ Themen die Leinwände vollzumalen. Die
„konservative“ Literatur sah sich plötzlich einem Subgenre gegenüber. Doch der negative Unterton, wie in Deutschland, blieb aus.

Leslie A. Fiedler war der Erste, der Ende der Sechziger von der „Popliteratur“ sprach( passenderweise in einem Artikel im Playboy).

In Deutschland tauchte der Begriff 1968 auf. Oft wird die Popliteratur als „Erfindung“ der 68er-Generation angesehen. Falsch, dazu gleich mehr.

In den USA war die Stimmung vergleichsweise locker gegenüber der in Deutschland. Popliteratur wurde nicht ernst genommen, sondern der Begriff wurde mit „unernster Literatur“ verbunden. Eine negative Konnotation also.

Doch der „Pop“ entwickelte sich weiter und nahm eine Art Protesthaltung gegen die nationalsozialistische Vätergeneration ein. Popliteratur war keine Erfindung der 68er, grenzte ihre Themen aber nicht aus, nahm sie auf, entwickelte sich jedoch auch weiter. Ironische, satirische Züge waren in den Siebzigern und Achtzigern an (auch „American Psycho“ hat diese -wenn auch makaberen- Züge).

Mitte der Neunziger verwandelte sich die rebellische Kultur in eine Art „Easy Reading“. Die Suche nach der eigenen Identität, wich dem Gedanken Masse und der Unterhaltungsindustrie und das Niederschreiben der eigenen Probleme musste dem Gedanken der Gesellschaft weichen.

Ausblick der Popliteratur:

Mit der wachsenden Bedeutung des digitalen, medialen Zeitalters, wächst auch die Bedeutung der Popliteratur. Der immer schnellere Alltag, wird durch die flexible Literaturgattung auch weiterhin abgebildet werden. Die Frage ist nur in welcher Art und Weise. Experimente sind selten, literarische Innovationen finden kaum mehr statt. Diesem Problem ist nicht nur da Genre der Popliteratur ausgesetzt. Es ist ein universelles Problem. So wäre es doch schade, wenn in zehn Jahren 140 Zeichen oder eine Statusmeldung bei Facebook das Abbild des Alltags selbst abbildet und zeigt, wie die Popliteratur mal war, aber nicht mehr ist.

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