Es hätte der Präzedenzfall des Jahrzehnts gegen einen Ölriesen werden können: Die Klage von vier nigerianischen Bauern und Fischern sowie einer Umweltorganisation gegen den Ölkonzern Shell in den Niederlanden. Sie beschuldigen den britisch-niederländischen Konzern an der Verseuchung ihrer Dörfer Schuld zu sein. Es ist das erste Mal gewesen, dass sich eine niederländische Firma in den Niederlanden für Schäden einer Niederlassung im Ausland verantworten sollte. Seit heute ist klar, das Zivilgericht in Den Haag hat die Klage abgewiesen.
Nicht der Mutterkonzern sei schuld an dem Schaden, sondern das Tochterunternehmen Shell Nigeria. In einem Fall soll dieser nun Schadensersatz zahlen. Shell soll die Leitung nicht genug vor Sabotage geschützt haben, was in einem Dorf zur Verunreinigung des Brunnen und damit der Felder der Bauern geführt hat. Trotz allem spricht die Umweltschutzorganisation „Milieudefensie“ von einem bahnbrechenden Urteil. Immerhin ist es noch nie in der Geschichte Nigerias gelungen Shell seine Haftbarkeit nachzuweisen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International spricht von einem „Durchbruch für die Gerechtigkeit“. Gegen die vier weiteren Urteile soll Berufung eingelegt werden.
Der Kampf für mehr Gerechtigkeit war auch der von Ken Saro-Wiwa. Der Gerichtsprozess erinnert an den tragischen Tod des nigerianischen Bürgerrechtlers, Schriftstellers und Fernsehproduzenten vor 8 Jahren. Niemand anderes hat es so erfolgreich geschafft, die Weltöffentlichkeit auf die 30jährige Ausbeutung der Ölvorkommen vor allem durch Shell aufmerksam zu machen. Jahrelang setzt er sich für mehr Umweltschutz und Menschenrechte in seiner Heimat ein.
1989 gründete er die Organisation „Movement for the Survival of the Ogoni People“ (MOSOP; dt. “Bewegung für das Überleben des Ogoni-Volkes“). Neben der politischen und kulturellen Autonomie der Volksgruppe setzt sich MOSOP für die Beseitigung der Schäden durch die Erdölförderung. Außerdem soll die Bevölkerung an den Einnahmen aus dem Öl beteiligt werden. Gewaltfreie Demonstration sollten die Ziele deutlich machen. So gelang es der Organisation, dass Shell vorübergehend seine Tätigkeit im Gebiet der Ogoni einstellte. Nach dem im Januar 1993 fast 300.000 Menschen auf die Straße gingen – etwa die Hälfte der Ogoni-Bevölkerung. Gleichzeitig führte dies zu einem Militäreinsatz der Regierung von Sani Abacha.
Die Militärregierung Nigerias ging schon oft gegen Ken Saro-Wiwa mit Festnahmen vor, so auch im Mai 1994. Mit acht weiteren Mitgliedern von MOSOP wurde er der Anstiftung zum Mord beschuldigt. Angeblich sollen so Mitglieder der Stammesältesten der Ogoni den Tod gefunden haben. Nach einem Jahr kam es zu einem Schauprozess gegen ihn und die Mitangeklagten. Am 30. Oktober 1995 wurde Saro-Wiwa und seine acht Mitstreiter zum Tode verurteilt. Während seiner Haftzeit wurden ihm der Alternative Nobelpreis (1994) und der Goldman Environmental Prize (1995) verliehen. Außerdem wurde er für den Friedensnobelpreis 1996 vorgeschlagen.
Der Schauprozess löste international große Aufmerksamkeit aus, allerdings ging niemand von einer Vollstreckung des Urteils aus. Internationale Proteste gegen die Hinrichtung konnten nicht helfen. Am 10. November 1995 wurden Ken Saro-Wiwa und die acht übrigen Angeklagten erhängt. Der internationale Schock saß tief. Nigeria wurde sofort aus dem Commonwealth of Nation ausgeschlossen. Einzelne Länder hielten wirtschaftliche Sanktion gegen das Land für erstrebenswert.
In Europa äußert sich dir Reaktion in einer Protestwelle gegen den britisch-niederländischen Mutterkonzern Shell . Viele Kritiker hielten den Ölkonzern für mitschuldig am Tod der Nigerianer. Im Juni 2009 einigt sich Shell mit den Hinterbliebenen von Saro-Wiwa und den anderen acht Hingerichteten auf eine Entschädigungssumme von 15,5 Millionen US-Dollar. Damit will de Konzern einer Anklage gegen Menschenrechte entgehen.
Neben seiner Arbeit als Bürgerrechtler hinterließ Ken Saro-Wiwa ein umfangreiches Werk als Schriftsteller. Die meisten Bücher und Geschichten sind auf Englisch erhältlich. Beim Deutschen Taschenbuchverlag ist der Roman „Sozaboy“ und der Erzählband „Die Sterne da unten“ in der deutschen Übersetzung erhältlich. „Lemonas Geschichte“ ist nur noch antiquarisch erhältlich. 1996 erschien bei Rowohlt sein letztes Werk gegen die Machenschaften der Ölkonzerne in Nigeria: „Flammen der Hölle: Nigeria und Shell; der schmutzige Krieg gegen die Ogoni“.
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