Hermann Hesse ist einer, der Geister scheidet. Die einen lieben ihn wegen seiner spirituellen Botschaften und seiner gefühlvollen und bildreichen Sprache, andere verachten genau dies als Kitsch. Fest steht, dass er sprachlich und poetologisch in der Tradition des 19.Jh. verhaftet blieb, einer Tradition der emotionalen Kultur, in der das Innenleben poetisch zelebriert wurde. So ist es nicht verwunderlich, dass er in der deutschen Nachkriegsliteratur, die von Realismus und Moderne geprägt war, keinen Platz gefunden hat, der Geist seines Werkes mit dem Aufleben der Hippie-Bewegung jedoch wiederum an Bedeutung gewonnen hat, nicht zuletzt durch Der Steppenwolf.
Dankenswerterweise hat eine Vielzahl von Publikationen dazu beigetragen, das literarische Werk Hesses objektiv zu beurteilen und zu werten und Hesses Persönlichkeitsstruktur und Geisteshaltung zu charakterisieren und entschlüsseln.
Anlässlich des 50. Todestages von Hermann Hesse hat der Hanser Verlag eine Biographie veröffentlicht, die auch auf der Seite der Hermann-Hesse-Stiftung lobende Erwähnung findet.
Eine Leseprobe findet Ihr hier
Überhaupt existiert zum Leben und Oeuvre Hesses eine Vielzahl von Publikationen, hierzu sei auf die Webseite des Suhrkamp Verlags verwiesen.
Hervorheben möchte ich hier die Biographie von Hugo Ball, erschienen 1927.
Wer Hugo Ball hört, denkt an Dada und würde wohl nie eine Nähe zu Hesse vermuten. Ball lernt Hesse kennen, als er mit seiner Frau Emmy Hennings ins Tessin übersiedelt. Sie werden Nachbarn und die Spitze der Avantgarde-Bewegung trifft auf den, der auf der Suche nach Transzendenz und Weltgeist ist, so möchte man meinen, doch Hugo Ball hatte sich bereits der Dada-Bewegung abgewandt, rekonvertierte zum Katholizismus, beschäftigte sich mit den alten Mystikern und lebte fortan asketisch.
Hesse und Ball waren derselben literarischen Tradition verhaftet und entstammten beide einem frommen Elternhaus. Hier können gemeinsame Berührungspunkte vermutet werden. Andererseits litt Emmy Hennigs unter der Askese Balls, zu der sie bei Hesse den Gegenpol fand. Der von Bärbel Reetz herausgegebene und sehr gut kommentierte Briefwechsel, sowie die einfühlsame Romanbiographie von Eveline Hasler geben lebendige Auskunft über diese Dreierfreundschaft.
Wie kam nun Ball dazu eine Biographie über seinen Freund zu verfassen?
Der Verleger Samuel Fischer suchte einen Autor für eine Hesse-Biographie, die anlässlich dessen fünfzigsten Geburtstags in der Reihe „Dichterbiographien“ erscheinen sollte. Daraufhin schlug Hesse den ewig in Geldnöten schwebenden Hugo Ball vor, Fischer willigte ein und bereute seine Entscheidung nicht. Er schrieb an Hesse:
“Mit dem Buch von Ball freue ich mich sehr. Sie haben nicht zuviel gesagt: Ball ist eine starke Persönlichkeit, was er sagt, ist auf seinem Boden gewachsen. Es wird die beste biographische Arbeit, die ich in meinen Verlag habe.”
Der Text ist bei Projekt Gutenberg erschienen, der besseren Lesbarkeit wegen empfehle ich aber diese Online-Ausgabe.
Der Hesse-Lektor und Herausgeber Volker Michels hat die Biographie in einer Ausgabe beim Wallstein Verlag mit informativem Material und einem Nachwort versehen.
Was ist nun das besondere an Hugo Balls Biographie?
Einen großen Raum nimmt die Beschreibung von Hesses Familie ein und man merkt den ersten Kapiteln an – das kann nur einer geschrieben haben, dem die Familie nah war und sei es durch die Erzählungen eines Freundes. Sehr genau skizziert Ball hier das geistige Klima, in dem Hesse aufwuchs.
Der Hauptanteil seiner Biographie ist jedoch Hesses literarischem Werk und Schaffen bis zu Der Steppenwolf gewidmet. Intensiv setzt sich Ball mit der Werkentstehung und der Entwicklung Hesses als Autor auseinander und zeigt dabei den geistesgeschichtlichen roten Faden auf, der sich durch Hesses Lyrik und Prosa zieht. Hierbei verzichtet er auf Plakativität und Privatistisches. Stattdessen zeigt er Respekt und Würde und in seiner Schlichtheit eine ungeheure Kraft.
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