Im ersten Teil der so genannten ‚Trilogie des Scheiterns’ wird ein Bild geschossen über den Zustand des Landes kurz nach dem 2. Weltkrieg. Koeppen lässt dazu eine Handvoll unterschiedlicher Menschen interagieren, zeichnet deren Gedanken nach, den Alltag eines einzigen Tages in einer deutschen Großstadt.
Wenn wir diesen Figuren folgen, sehen wir wenig von Vergangenheitsbewältigung, Hoffnung und Aufschwung. Der Krieg ist gewichen, doch die Angst und Unsicherheit ist geblieben. Ruinen allerorts, einige Geschäfte und Lokale notdürftig hochgezogen, gefüllt mit Menschen ohne Zukunftsperspektive. Der Kalte Krieg wirft schon seine Schatten voraus.
„Edwin sah in dieser Stadt ein Schauspiel und ein Beispiel, sie hing, hing am Abgrund, war in der Schwebe, hielt sich in gefährlicher mühsamer Balance, sie konnte ins Neue und Unbekannte schwanken, konnte der überlieferten Kultur treu bleiben, doch auch in vielleicht nur vorübergehende Kulturlosigkeit absinken, vielleicht als Stadt überhaupt verschwinden, …“
Sie suchen Ablenkung, wollen dieser lebensunwürdigen Realität nicht in die Augen sehen. Und genau dort setzt Koeppen an. Er beklagt die Ignoranz, das Überlebenselixier der Bevölkerung. Sie übernehmen die Propaganda-Parolen des Führers, manche wünschen ihn sich gar zurück, Kinder spielen Krieg zwischen den Trümmern, Juden sind durch Schwarze ersetzt worden, die nun unerwünscht sind, amerikanische Soldaten werden als Belagerer statt Retter angesehen. Die Gewaltbereitschaft ist ständig präsent, dient als Ventil aufgestauter Wut. Wut über die ihnen zugeführte Ungerechtigkeit, ob nun die Erbin, dessen Vermögen plötzlich an Wert verloren hat oder die Mutter einer Frau, die von einem schwarzen Soldaten ein Kind erwartet und Schande befürchtet, weil der Ariernachweis in deren Stammbaum bisher lückenlos gewesen ist.
Koeppen platziert einen Reisebus in seiner Stadt, der mit amerikanischen Lehrerinnen gefüllt ist. Amerikanerinnen auf Studienreise, die das klischeebehaftete Bild des deutschen Reiches bestätigt sehen wollen. Dichter, die unter Eichen spazieren und über das Leben sinnieren, eine romantische Vorstellung in ihrer Einbildung, die zwangsläufig in Enttäuschung enden wird. Koeppen will den Bürger wachrütteln, ihn dazu bewegen, sich aufzuraffen, seine Träume wieder aufzunehmen um dort weiter zu machen, wo sie vom Krieg unterbrochen wurden. Aber der Deutsche schläft, in einem Vortrag des fiktiven Schriftstellers Edwin fühlen sich die Zuhörer schlaff, hungrig, können sich nicht konzentrieren, hören nicht zu. Lieber träumen sie vom Amerika, dem pastellfarbenen Bilderbuchkontinent.
„Das Fräulein wollte leben. Es wollte sein eigenes Leben. Es wollte nicht der Eltern Leben wiederholen. Das Leben der Eltern war nicht nachahmenswert. Die Eltern waren gescheitert. Sie waren arm. Sie waren unheiter, unglücklich, vergrämt. Sie saßen vergrämt in einer grämlichen Stube bei grämlich munterer Musik. Das Fräulein wollte ein anderes Leben, eine andere Freude, wenn es sein sollte, einen anderen Schmerz. Die amerikanischen Jungen waren dem Fräulein lieber als die deutschen Jungen. Die amerikanischen Jungen erinnerten das Fräulein nicht an das grämliche Zuhause. Sie erinnerten das Fräulein nicht an alles, was sie bis zum Überdruss kannte: die ewige Einschränkung, das ewige Nach-der-Decke-Strecken, die Wohnungsenge, die völkischen Ressentiments, das nationale Unbehagen, das moralische Missvergnügen. Um die amerikanischen Jungen war Luft, die Luft der weiten Welt, der Zauber der Ferne, aus der sie kamen, verschönte sie. Die amerikanischen Jungen waren freundlich, kindlich und unbeschwert. Sie waren nicht so mit Schicksal, Angst, Zweifel, Vergangenheit und Aussichtslosigkeit belastet wie die deutschen Jungen.“
Der Roman besteht aus Fragmenten, aus Splittern. Die Perspektive wechselt in jedem Absatz, die Minute eines Tages wird aus mehreren Augenpaaren gleichzeitig betrachtet und beschrieben. Die Figuren selbst handeln unabhängig voneinander, begegnen sich zufällig an eine Kreuzung, ohne gegenseitig Notiz zu nehmen. Ein bemerkenswerter Kunstgriff, wenn der Fokus vorher noch auf den Fußgänger gerichtet, plötzlich den vorbei fahrenden Radfahrer in den Mittelpunkt stellt und mit diesem weitermacht.
„Die Lehrerinnen gingen über den großen Platz, eine von Hitler entworfene Anlage, die als Ehrenhain des Nationalsozialismus geplant war. Miss Wescott machte auf die Bedeutung des Platzes aufmerksam. Im Gras hockten Vögel. Miss Burnett dachte >wir verstehen nicht mehr als die Vögel von dem was die Wescott quatscht, die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier, Hitler war ein Zufall, seine Politik war ein grausamer und dummer Zufall, vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind, die Vögel werden wieder auffliegen und wir werden weitergehen …“
An Koeppen gefällt mir sein prägnanter, treffender Wortschatz. Er benötigt keine seitenlange Beschreibung um uns einen Zustand oder eine Figur näher zu bringen. Kraftvoll ist sein Wortschatz, seine Sätze gleichen einer Strömung, der man sich nicht entreißen kann.
Der Aufbau ist außergewöhnlich, beeindruckend. Koeppen orientiert sich an einem modernen Erzählstil. Gedankenfetzen, einschlagende Blitze, die schonungslos offenbaren.
Vorab wird um ein wenig Konzentration plädiert, die Absätze sind kurz, Gedanken reißen mittendrin ab, um zum nächsten Protagonisten zu wechseln. Eine Frage der Gewöhnung, sobald man die Figuren ein wenig näher 'Kennen gelernt' hat, ist es ein Leichtes, den Schritten Koeppen zu folgen.
Es gehört somit zu den eindrücklichsten Büchern der Nachkriegszeit auf deutschem Boden. Auch sei gesagt, die Sätze sind mitunter sehr lang sind, keine Schachtelsätze, vielmehr eine Folge von Überlegungen - ähnlich wie man es von sich selber kennt, wenn ein Gedanke zum nächsten führt.
Gruß,
charly