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Die Blechtrommel

Von Günter Grass

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Die Blechtrommel

Von Günter Grass

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Die Blechtrommel

Roman

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  • Ausgabe
  • Seiten
  • Sprache
  • ISBN-13
  • Preis
  • Belletristik, Klassiker
  • Deutscher Taschenbuch Verlag
  • Dezember 1993
  • 784
  • Deutsch
  • 9783423118217
  • EUR 12,90

Diese Rezension fanden 3 von 3 Benutzern hilfreich

Günter Grass, Die Blechtrommel

Von MissLouise, Samstag, 3. März 2012, 11:29

"Die Blechtrommel"

Der 1959 in der Danziger Trilogie erschienene Roman, „Die Blechtrommel“ von Günter Grass gilt als eines der bedeutendsten Werke der deutschen Nachkriegsliteratur und wurde mit dem Preis der Gruppe 47 ausgezeichnet. Die Thematik des Romans umfasst das Motiv des Außenseitertums und der Individualität des Protagonisten Oskar, welche ferner ihren Ausdruck in der kindlichen Größe findet. Auch die Identitätssuche ist ein Motiv, welches hier stark angesprochen wird. Oskar bleibt bis zuletzt im Ungewissen, welcher der beiden Männer in seinem Leben, sein Vater ist und kann auch von sich dasselbe behaupten.

Der Stoff für den Roman ist ein historisch- politischer, angesichts dessen werden die Vergangenheitsbewältigung, die Schuldfrage am zweiten Weltkrieg, der Tod durch das nationalsozialistische Regime und das Protestmotiv stark thematisiert. Die „Blechtrommel“ ist zwar ein politischer und geschichtlicher Roman, doch in erster Linie umfasst es die Darbietung des Lebens von Oskar Matzerath, in welchem sich die Begebenheiten seiner Zeit widerspiegeln. Günter Grass enthält sich einer geradlinigen Schilderung der Kriegsereignisse und der politischen Vorgänge und lässt die Geschehnisse durch den Bezug zu den Romanfiguren Gestalt annehmen. Beispielsweise wird das Ende der nationalsozialistischen Partei am Ersticken des Vaters an seinem Parteiabzeichen dargestellt, welches Oskar ihm mit geöffneter Anstecknadel zusteckt. Somit erfolgt sowohl eine Wiedergabe der Ereignisse im zweiten Weltkrieg, als auch die Darstellung der privaten, außeramtlichen Problematik des Bürgertums.


Der ursprüngliche Handlungsverlauf umfasst 2 Jahre (1952-1954), in welchen der Protagonist Oskar Matzerath als Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt aus der Erinnerung die Geschichte seines Lebens niederschreibt. Beachtenswert sind hierbei jedoch die beiden Zeitebenen, welche in dem Roman gegenwärtig sind. Die Erzählzeit und die erzählte Zeit sind keinesfalls deckungsgleich, denn während die Erzählzeit die zwei Jahre in der Pflegeanstalt (1952- 1954) umfasst, schließt die erzählte Zeit die Jahre 54 Jahre (1900-1954) ein. Die beiden Erzählebenen vereinigen sich gegen Ende des Romans und lassen das Ende ausstehend. Teils spielt die Handlung in der Heil- und Pflegeanstalt, in welcher der Leser Oskar bei der Arbeit an seiner Biografie begleitet. Überwiegend transformiert Oskar aber in einen auktorialen Erzähler und berichtet über sein Leben. Dies erfolgt chronologisch und wird mancherorts von der Handlung in der Pflegeanstalt alterniert.

Oskars Lebensbeschreibung beginnt gewissermaßen mit seiner Vorgeschichte; der Zeugung seiner Mutter Agnes Bronski- Koljaiczek auf dem Kartoffelacker. Nach dem Verschwinden ihres Vaters und einmaliger Verwitwung heiratet Agnes Alfred Matzerath, den protestantischen Kolonialwarenhändler aus dem Rheinland und Oskars eigene Lebensgeschichte beginnt. Oskar, welcher sich als frühvollendetes Kind vorstellt, wird zu seinem dritten Geburtstag eine Blechtrommel versprochen. Mit dem Eingelösten versprechen, folgt aus seiner Verweigerungshaltung heraus der Beschluss sein Wachstum zu beenden. Seither verfügt er ebenfalls über die Fähigkeit, Glas zu zersingen. Diese Begabung dient ihm noch etliche Male im Laufe seines Lebens als Verteidigungsmittel gegen Erwachsene, Protest und Sublimierung der Zerstörungswut in Kunst. Es lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen Trommel, Wachstum und dem Glaszersingen feststellen, da er nachträglich mit dem Ablegen seiner Trommel sein Ingenium verliert, jedoch das Wachstum wiedererlangt.

Von den Erwachsenen und anderen Kindern als Sonderling, Gnom, Zurückgebliebener und glastötender Trommler angesehen, verlebt er seine Adoleszenz. Erwähnenswert ist hier auch Oskars Beurteilung und Schilderung seiner Umwelt. Er selbst sieht sich insbesondere als vollkommen und charakterisiert die Erwachsenen als minderbemittelt und borniert. Seine Umwelt ist laut Oskar nicht prädestiniert um zu erfassen, welches Genie in ihm steckt. Mit seiner Entwicklung, spitzt sich die politische Lage allmählich zu und die Spannungen zwischen Deutschland und Polen werden immer größer. Im knabenhaften Alter von fünfzehn Jahren nimmt er mit Jan Bronski an der Verteidigung der polnischen Post teil und erleidet den Tod seines mutmaßlichen Vaters. Nur ein Jahr zuvor verliert er seine geliebte Mutter, welche infolge einer willentlichen Fischvergiftung stirbt, mit welcher sie gegebenenfalls einen Schwangerschaftsabbruch herbeizuführen beabsichtigte. Mit dem Tod dieser beiden Figuren, wird auch die Dreiecksbeziehung aufgelöst, welche sich zuvor zwischen Alfred Matzerath, Agnes und Jan Bronski entwickelt. Es ist eine ,,klassische" Dreiecksbeziehung auf sinnlicher Ebene. Agnes steht zwischen Matzerath, der Sicherheit bietet und Jan Bronski, ihrem sensiblen Geliebten, der ihr Zärtlichkeit und Liebe verheißt.


Um den Haushalt und das Kolonialwarengeschäft weiterführen zu können, zieht sich Matzerath die Nachbarin Maria Truczinski heran. Das junge Mädchen, welches in Oskars Alter ist, wird dessen Geliebte und von ihm geschwängert. Dies bleibt aber der Allgemeinheit verborgen, da Matzerath sie wenig später zur Frau nimmt und bis zuletzt nicht ergründet, dass Kurt Matzerath nicht sein Sohn ist. Wahrlich nimmt dieser aber im Laufe seiner Entwicklung Charakterzüge und Eigenschaften von Alfred Matzerath an und verweigert es, Oskars Weg zu gehen. Somit lässt sich auch eine Gemeinsamkeit zwischen Jan Bronski und Oskar Matzerath feststellen, zumal sie beide als mutmaßliche Väter gelten. Am Ende des Krieges verschluckt sein Vater das Parteiabzeichen, welches Oskar ihm zuvor absichtlich gereicht hat. Mit den Tötungen seiner Nächsten werden die Schuldfrage am Krieg und die Vergangenheitsbewältigung stark angesprochen.

In seiner weiteren Lebenslaufbahn versucht sich Oskar als Steinmetz, Modell in einer Kunstakademie und Trommler in einer Jazzkapelle, welche ihm schließlich den Durchbruch als Musiker verschafft. Er trifft seinen Meister Bebra, welcher ihm zum ersten Mal im Alter von zehn Jahren begegnet und seit jeher zu seinem engsten Freundeskreis zählt und wird nach dessen Tod zu seinem Erbe ernannt. Um seine Langeweile zu bekämpfen zeigt sein Freund Vittlar nach dem Fund eines Ringfingers Oskar bei der Polizei an und es kommt zum Prozess. Nach diesem wird
er in die Heilanstalt eingewiesen und schreibt dort seine Lebensgeschichte nieder.


Das Schreiben wird bei Günter Grass als Sühne für nationale und persönliche Schuld verstanden, mit welcher er die Vergangenheit bewältigt und die deutsche Schmach und Reue abarbeitet. Die gänzliche Danziger Trilogie dient zur Abarbeitung der Schuld der Erzähler. „Die Blechtrommel“ ist in drei Bücher unterteilt, die Sprache und der Stil, ist bei Grass stark abhängig von der Person, welche von ihm eingesetzt wurde. Oskar variiert beispielsweise Sprache und Stil, je nach der Person die er verkörpert. Er kann sich problemlos zwischen stilistisch gehobenem und umgangssprachlichem Ton bewegen und agiert folglich als Erzähler oder Schauspieler. Er kann genauso mit einer beherrschten literarischen Sprache umgehen, wie er auch mit dem Lallen und Gestotter eines Dreijährigen überzeugt. Auffallend ist jedoch der Wechsel, zwischen auktorialer Erzählweise und der dritten Form (personale Erzählhaltung), dessen Übergang oft fließend und in einem Satz anzutreffen ist. Nicht selten spricht der Protagonist Oskar den Leser direkt aber nur mit der Höflichkeitsform „Sie“ an. Eine Besonderheit des Erzählstils von Günter Grass ist auch sein Umgang mit Sprichwörtern. Sie geben den Figuren eine folkloristische Sprache und legen soziale Umstände frei. Viele Sprichwörter werden von Grass selbst verändert. So wird beispielsweise das „Sein oder Nichtsein- Das ist hier die Frage“ aus Hamlet zu „Heiraten oder Nichtheiraten- Das ist hier die Frage“. Auch Farben, spielen in dem Roman eine essentielle Rolle. Häufig werden bestimmten Farben Eigenschaften zugeordnet, z.B. der Gegensatz von Schwarz und Weiß und der Gegensatz zwischen der mehrfach präsenten Schwarzen Köchin und der Krankenschwesterntracht. Die Personalisierung bestimmter Objekte (z.B. die Trommel) ist ebenfalls ein typisches Stilmittel bei Grass. So hat Oskars ständiger Begleiter ein Eigenleben, wird als Individuum angesehen und ist ein fundamentaler Bestandteil seines Lebens.


Die Trommel selbst ist das wohl wichtigste und immer wiederkehrende Leitmotiv des Romans. Für Oskar stellt sie ein bedeutendes
Kommunikationsmittel dar, mithilfe dessen er seine Gefühle und Protest zum Ausdruck bringt. Es dient zur Erinnerung, aber auch zum Verschmerzen bestimmter Ereignisse. Oskar lernt seine Trommelkünste gezielt einzusetzen und ist in der Lage, andere Personen in ihre Kindheit zurück zu trommeln. Die Trommel spielt auch in der Erzählzeit, für Oskar als Insasse einer Irrenanstalt, eine wichtige Rolle, da er sich durch sie genauer an die Vergangenheit erinnern kann. Je länger er trommelt, desto mehr Details fallen ihm ein. Aufgrund dieser Erinnerungen gesteht sich Oskar ein, dass seine Trommel und auch er selbst seiner Mutter, Jan, sowie seinem Vater den Tod gebracht haben. Aus diesem Grund ist es paradox, dass die Blechtrommel ebenfalls als Zeichen kindlicher Unschuld gesehen wird. Einzig für Kindertrommeln wird Blech verwendet, zumal Trommeln gewöhnlich mit Kalbsfell bespannt werden. Auch kann Oskars Trommeln ebenfalls auf die zu dieser Zeit vorhandene Spannungen und
Kalamitäten hindeuten. Das Trommeln signalisiert das kriegerische Tun und die militärische Disziplin die ehemals herrschten. Es stellt eine Verbindung zu dem destruktiven Streben zur Zeit des Nationalsozialismus her.

Als künstlerische Eigenschaft gilt Oskars glaszersingende Stimme, welche er zunächst zur Verteidigung seiner Trommel einsetzt. Er macht seine Stimme als Machtmittel dienstbar, wenn er seine Trommel nicht hergeben möchte. Es dient aber nicht nur als Protestmittel gegen Erwachsene sondern auch um das Augenmerk auf bestimmte Probleme oder gesellschaftliche Zwänge zu legen. Den einzigen Kontakt zu seiner Umwelt hat Oskar durch das Glaszersingen und das Trommeln. Die beiden Fähigkeiten dienen als Verteidigungsinstrument und sind direkt miteinander verbunden. Durch diese Mittel kann Oskar Distanz zwischen sich und der schlechten Welt der Erwachsenen schaffen, gegen welche er protestiert. Seine Ablehnung richtet sich vor allem gegen die Oberflächlichkeit und Schalheit, auf welche er bei den Erwachsenen immer stößt. Da sie die Welt nicht derartig begreifen können wie er selbst, keine Sensibilität beweisen und ihr Leben nicht mit Überzeugung bestimmen, charakterisiert er sie als Mitläufer, welche letztendlich für den Aufstieg des nationalsozialistischen Regimes verantwortlich sind. Als Inbegriff eines solchen Menschen wird Alfred Matzerath signifikant, welcher sich dem Kollektiv fügt und der Partei beitritt.


Das Dreieck und die Zahl drei sind zentrale Erscheinungen des Romans, welche immer wiederkehren. Der Roman wird in drei Bücher gegliedert, Oskar Matzerath beschließt zu seinem dritten Geburtstag sein körperliches Wachstum zu beenden und die Lebensgeschichte wird zu Oskars dreißigstem Geburtstag niedergeschrieben. In „Die Blechtrommel“ kommt es häufig zur Bildung von Dreiecksbeziehungen. Oskars Mutter Agnes bildet die Basis einer solchen Dreiecksbeziehung, bekanntlich steht sie zwischen ihrem Gatten Alfred Matzerath und Jan Bronski. Diese Beziehung erlebt neben der privaten Affäre eine Ausdehnung in den politischen Bereich. So ereignet es sich, dass sich sowohl Jan Bronski als auch Matzerath jeweils durch die Vernachlässigung von Agnes in politische Angelegenheiten zurückziehen. Jan tritt in den Dienst bei der polnischen Post und Alfred, wahrheitsgemäß politisch ausgesprochen desinteressiert, erwirbt die Mitgliedschaft der nationalsozialistischen Partei. Eine andere Dreiecksbeziehung kann man nachkommend zwischen Oskar, Alfred und Maria Truczinski entdecken. Zwischen Alfred Matzerath und Oskar scheint der Vater- Sohn Konflikt zum ersten Mal auf, als es darum geht, die Liebe von Maria zu gewinnen. Zwar ist Oskar seinem Vater seit Beginn der Handlung anhaltend feindlich gesinnt, doch lässt sich dies bis zum Erscheinen Marias erfolgreich kompensieren. Beide Männer kämpfen als äquivalente Rivalen um Maria, welche sich letztendlich für Alfred entscheidet und Oskar selbst als Witwe nicht zu ihrem Mann nehmen möchte. Zuletzt erscheint eine Beziehung zwischen Oskar, der Somnambule Roswitha und der Musikclown Bebra. Sie schließen sich als Kleinwüchsige zusammen und sind als einzige in der Lage hinter die Kulissen zu blicken und sich nicht von dem Schein verblenden zu lassen. Auch zwischen der hübschen Roswitha und Oskar lässt sich eine Konnexion feststellen, welche von Bebra aber nicht unterbunden wird.

Ein weiteres belangreiches Leitmotiv des Romans stellen die Krankenschwestern dar. Sie sind in Oskars leben reichlich vorhanden und verkörpern für ihn Sinnlichkeit und Tod. Er selbst ist der Meinung, die Krankenschwester verführe den Patienten zur Genesung oder zum Tode, den sie leicht erotisiert und schmackhaft machen. Er fühlt sich in der Nähe der weißen Kluft der Krankenschwestern beglückt und hegt ebenfalls für die Hausgenossin und Krankenschwester Dorothea heimliche Gefühle. Auch stellt er diesbezüglich Nachforschungen über ihr Leben nach und dringt in ihre Privatsphäre ein. Ihren Ringfinger, welchen er nach ihrem Tod findet, konserviert er und betet ihn an.

Seiner Entwicklung schreibt Oskar Goethe und Rasputin einen bedeutenden Einfluss zu. Während Goethe für Ordnung, Geist und Zucht steht, symbolisiert Rasputin Trieb, Orgie und Lebensrealität. Durch die Lektüre der beiden Autoren wird sein Charakter im Kindesalter geprägt und die
beiden Seiten seiner Persönlichkeit kommen zur Geltung.


Konkludierend, ist das Werk des renommierten Autors voller Symbolik und Denkimpulse. Zu Beginn, scheint es unoriginell und einfallslos zu sein, doch es entpuppt sich im Laufe der Handlung als ein tiefgründiges Opus, welches die Problematik des Außenseitertums und der Individualität auf einer historisch-gesellschaftlichen Ebene eruiert. Mit "Die Blechtrommel" hat Günter Grass ein Werk geschaffen, welches der Menschheit einen Spiegel vorhält und diese zum Nachenken und zur Selbstreflexion anregt. Es ist jedenfalls ein Roman, der es verdient, gelesen zu werden.



















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Kommentare (2)

  • 2

    Von Camille (Mittwoch, 7. März 2012, 11:56)

    Ich kenne nur den Film mit Mario Adorf. Zu der Zeit, als ich ihn gesehen habe (da war ich noch sehr jung), hatte ich noch keine Ahnung, dass es sich um eine Literaturverfilmung handelt und wer Grass war :-)

    Tolle Rezi, ich konnte mich eben an vieles Zurückerinnern.

  • 1

    Von Criss (Samstag, 3. März 2012, 18:01)

    Das nenne ich mal eine ausführliche Rezension.
    Ich habe den Roman vor Jahren mal angefangen, aber aus diversen Gründen nicht mehr weitergelesen.
    Aber jetzt werde ich ihn mir nochmal vornehmen.
    Danke für die Rezension.

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Von MissLouise (Sonntag, 27. April 2008, 13:22)