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Krümel

unregistriert

1

Donnerstag, 8. Oktober 2009, 11:24

Lenz, Siegfried - Die Auflehnung



Wieder einmal hat Siegfried Lenz eine Thematik ganz wunderbar und deutlich herausgearbeitet.

Willi Wittmann ist seit 32 Jahren Teekoster bei einer Hamburger Firma. Er hat die feinste Zunge, die so ziemlich auf der ganzen Welt bekannt ist und es zu hohem Ansehen gebracht hat.
Frank Wittmann besitzt in der Nähe von Schleswig Fischteiche, die er nun nach seinem Großvater und Vater bewirtschaftet, was immer schwierig gewesen ist, denn viele Gefahren verbergen sich in diesem Geschäft.

Die Thematik des Romans zeigt sich direkt zu Beginn, beide Brüder lehnen sich gegen ihr Schicksal auf: Willi verliert seinen Geschmackssinn, was zu Verlustgeschäften in der Firma führt und er seinen Abschied nimmt. Und über Franks Teiche lauern Kormorane, die den ganzen Bestand bedrohen.
„Die Auflehnung“ als Leitmotiv, welches sich auch noch in anderen Situationen und Figuren spiegelt, wird äußerst präzise und klar aufgelöst, was mir persönlich immer wieder sehr gut gefällt, wenn ein Motiv exakt und eindeutig im Mittelpunkt steht.

Aber auch der Stil des Autors etwas distanziert und unterkühlt wie er die Figuren reflektiert und die Handlung aufbaut, liegt mir sehr. Ganz kleine Zuwendungen, so unverhofft und fast im Verborgenen, zeigen dem Leser, dass da doch eine sehr große Zuneigung besteht, und dass die Menschen nicht nur wortkarg und ein wenig stoffelig sind, sondern einen weichen Kern besitzen. Nach und nach werden die Figuren im Roman lebendig und auch einmalig durch ihre Art.

Das Werk „die Auflehnung“ hat mir bisher von Lenz am besten gefallen, da er ganz strikt am roten Faden bleibt (Leitmotiv) wie beispielsweise auch in der „Deutschstunde“, allerdings ohne seitenlange Ausflüge in Nebensächlichkeiten. Bei anderen Autoren mag ich diese Verzögerungen, bei Lenz empfinde ich es als nicht passend und stimmig. Eine echte Empfehlung!

Leserin

Literaturbesessen

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Vorname: Gabi

Lieblingsgenre: Die klassischen Drei (Epik, Lyrik und Dramatik)

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2

Dienstag, 13. Oktober 2009, 16:10

Hallo Krümel,

ja, Siegfried Lenz hat auch bei mir einen Stein im Brett, wobei meine "Favoriten" u.a. "Arnes Nachlass", "So zärtlich war Suleyken" und "Schweigeminute" sind. Es braucht wirklich nicht immer epische Beschreibungen und 300 Seiten plus Fabulierkunst, um den Leser zu packen, Gedanken und Gefühle zu transportieren und den Leser so zurückzulassen, dass er/sie eigentlich gleich noch einmal mit dem Lesen beginnen will. So geht es zumindest mir bei/mit Lenz.

Da du die nordische Unterkühltheit ansprichst - eben diesen Punkt sehen viele Leser wirklich nicht, ist dir das aufgefallen? Wir haben schon einmal kurz darüber gesprochen, aber die Kritiker meinen nicht selten, Lenz wäre zu "steril", gefühlskalt und man könne sich nur schlecht bis gar nicht in seine Figuren hineinversetzen. Bei solchen Aussagen wundere ich mich immer, denn wie anders also so ist die norddeutsche Seele denn? Außerdem, es ist doch nicht gesagt, dass Masse gleich Klasse bedeutet, also erst ab 3 Adjektiven pro Satz entsteht gefühlte Nähe. Vielleicht sind die meisten Leser schon dahingehende "konditioniert", dass sie nur ellenlange und detailverliebte Romane konsumieren (können), bei weniger Details müssten sie es sich dazudenken und ist vielleicht für ihr Hirn nicht zumutbar? ;) Was meinst du zu diesem Punkt?

Die Schnörkellosigkeit gefällt mir auch bei Lenz, also er hat ein Thema und das wird dann beleuchtet, ohne unnötige Umwege zu machen oder sich zu wiederholen. Komischerweise (?) wurde ihm das in der Literaturkritik gerade bei der "Auflehnung" negativ ausgelegt, der Vorwurf der Künstlichkeit und Geradlinigkeit wurde als "Unoriginalität" gedeutet. Ich sehe das nicht so, gerade auch nicht im Vergleich mit seinen anderen Romanen, aber kannst du diesen Eindruck verstehen, vielleicht bei seinen anderen Werken entdecken?

Neugierige Grüße von deiner Lenz-Verbündeten Gabi :D
("Leserin" ist nicht mehr aktiv hier, daher keine Beiträge, PNs und Emails).

Krümel

unregistriert

3

Dienstag, 13. Oktober 2009, 18:49

Was du immer alles wissen möchtest :D

Unterkühlt kam mir Lenz, im Gegensatz zu den Literaturkritikern, bei "Es waren Habichte in der Luft" vor. Wenn man aber bedenkt, dass der Krieg gerade zuende war, man also die Zeit berücksichtigt, liegt diese Kühle eher da versteckt, als dass man sie dem Autor vorwerfen sollte. Wie gesagt ist der Nordländer etwas wortkarg und stoffelig, was aber nicht heißt, dass er ein schlechterer Mensch ist als der Rheinländer, der ja offen und redselig sein soll ;) (Lenz hat sowieso eine Sonderbonus bei mir, ich mag ihn auch im Fernsehen, er symbolisiert für mich den "Opa", den ich gerne hätte :D Also ich würde ihn sofort adoptieren!)
"Die Auflehnung" ist überhaupt nicht unterkühlt. Die kleinen Zärtlichkeiten die Frank seiner Frau zukommen lässt, als er ihr liebevoll den Rücken einreibt, oder sie aus der Badewanne herausholt, einfach toll! Das war für mich Liebe pur, und Liebe kann nie unterkühlt sein.
Diese geradlinige Weise empfinde ich als totalen Luxus in der heutigen hektischen Zeit. Das Leben ist doch Reizüberflutet genug, muss denn die Literatur genauso schnell und laut sein? Zudem, wenn man bei einem Thema bleibt, ob nun Auflehnung oder Pflichtgefühl, das ist doch wesentlich schwieriger zu beschreiben als wenn man durch die Themen rasst, was heute so in ist (nichts Halbes und nichts Ganzes).

Ich habe erst vier Werke von Lenz gelesen: "Deutschstunde", "Es waren Habichte in der Luft", "Die Auflehnung" und "Schweigeminute", und bin echt froh, dass es noch so viel Stoff von Lenz für mich gibt. Momentan lese ich Essays von ihm "Über den Schmerz" :) , da ich auch seine Ansichten lesen möchte. Wie gesagt, Lenz interessiert mich als ganze Person, nicht nur als Autor :)

Krümel, die jetzt aber viel geschrieben hat *pkorn*